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Samstag, 30. August 2008

Anekdoten aus einem schwulen Leben XX

Ich habe mit Stefan gestritten, es war diesmal schlimmer als sonst. Es ging um Bio - Dinkel - Grünkernvollkornbrot, das bestrichen war mit Bio - Apfel - Zwiebel - Brotaufstrich aus Sonnenblumenkernen. Seit ich bei meinen Eltern Urlaub mache, lebe ich gesund. Der Kühlschrank ist grün, die Geschmacksrichtungen bizarr, aber es schmeckt, es schmeckt wirklich. Und Stefan verstand das nicht. Er sollte probieren und er wollte nicht. Und es ging weiter: Stefan mag Joghurt zum Frühstück, aber den gibt es nicht bei meinen Eltern, weil das Aroma im Joghurt künstlich ist. Sägespäne für Erdbeeren und Schimmelpilze für Bananen verträgt sich nicht mit der Vollwertkost zu Hause.

Stefan nahm schließlich eine Weintraube, die war auch Bio, aber sie sah aus wie eine normale Supermarkttraube und es klebte kein Biosiegel drauf. Dann wollte Stefan Wurst, aber die gibt es bei meinen Eltern nicht. Wir haben meine Großmutter gefragt und sie brachte ihm einen Teller mit Putenbrust und Salami. Die Scheiben hat er sich dann auf Bio - Mehrkornbrötchen gelegt. Das ging für ihn, war aber hart an der Grenze. Man kann sagen, dass Stefan sich der gesunden Kost verwehrt hat. Man kann aber vor allem sagen, dass das Frühstück völlig danebenging, denn seitdem gelte ich bei Stefan als Öko.


Sicher, gerade stehen Bio - Haferkekse neben und eine Flasche Bionade vor mir. Und zugegeben: Nach der Limonade bin ich süchtig, viele haben sich schon beschwert, dass ich nichts anderes zu trinken daheim habe. Aber dennoch: Ich bin wirklich kein Öko. Ich lebe auch nur zwei Mal im Jahr so gesund, immer in den Semesterferien. Doch es fasziniert mich trotzdem unheimlich, wie viel Bio dieses Land inzwischen ist. Neulich war ich zum Beispiel in Mannheim, da reiht sich ein Biosupermarkt an den nächsten. Diese Märkte sind meist sehr hell und freundlich eingerichtet, die Preise etwas höher als im Discounter und vor allem sind die Märkte meist leer. Und dennoch können sie überleben.

In Mannheim gibt es auch ein vegetarisches Biorestaurant. Man nimmt sich ein Tablett, geht an die Vitrinen und legt sich das auf den Teller, was man essen möchte. Es gibt warme und kalte Speisen, die Salatvariationen sind bunt und grell, das warme Essen klebrig und der Kuchen sieht sehr individuell aus. Der Laden hat über 250 Sitzplätze, sie sind belegt, jedesmal wenn ich dort bin. Alle. Im Grunde ist das Restaurant eine bessere Kantine und bezahlt wird nach den genommenen Gramm vom Buffet. Nur die Bionade wird in den normalen Flaschen verkauft und auch berechnet. Manchmal steht ein Bademantel neben einem, manchmal ein Anzug. Aber bei allen Vorurteilen: Es schmeckt. Und es schmeckt wirklich.


Stefan würde wahrscheinlich dennoch hungrig aus dem Laden herausgehen. Nicht, dass er keinen Salat mag, aber die Sprite und die deftige Pilzpfanne sind ihm dann doch lieber und trotzdem ist er durchtrainiert. Wir haben uns also am Frühstückstisch gestritten, ich habe versucht ihn ein bisschen für die extravaganten Sachen zu begeistern. Aber er wollte davon nicht viel wissen. Wir waren dann essen in Berlin und Stefan hat seine Pilzpfanne bekommen. Sie roch intensiv, die Soße war wunderbar fettig und ich habe seine Tomaten vom Teller genascht.

Und Stefans Laune besserte sich, es wurde noch ein schöner Abend mit ihm. Einem Bademantel hätte sich der Magen umgedreht und wahrscheinlich ist Stefan froh, wieder bei sich zu Hause zu sein und seine Spezi aus dem Kühlschrank zu holen. Er war ja nur ein paar Tage zu Besuch und ich hoffe, dass er dennoch mal wiederkommt. Vielleicht möchte er dann ja den Apfel-Zwiebel Brotaufstrich probieren. Die Bionade steht auf jeden Fall schon im Kühlschrank.

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