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Samstag, 13. Dezember 2008

In der blauen Zwickmühle

GayRomeo - der schnelle Weg in die Prostitution?
Sehe ich das zu eng oder erliegen wir hier der "Banalität des Bösen"?


Viele Worte verlor ich zum Thema Callboys. Jedoch finde ich keinen Kerngedanken, der die Essenz meiner Kritik wiedergeben würde. Ich befinde mich nämlich im folgenden Dilemma:

Würde ich GayRomeo explizit für die Vermittlung von Prostituierten kritisieren, liefe das zwangsläufig auf eine Kritik der Callboys als solche hinaus. Und nach meinen Gesprächen mit dem Sozialpädagogen Herrn Rötten und mit dem Ex-Callboy Hartwig, ist mir klar, dass dies nicht die Lösung sein kann. Immerhin kämpfen doch beide dafür, dass Sexworker nicht mehr von der Gesellschaft diskriminiert werden.

Wenn man eben dennoch dort ansetzen würde und all die negativen Seiten der Prostitution aufzählen wollte (und da gäbe es eine Menge aufzuzählen), käme man vielleicht zu folgender Liste:
  • Leicht erhöhtes Krankheitsrisiko (Dabei meine ich nicht speziell die STD)
  • Diskriminierung von der Gesellschaft
  • Zwang zum Doppelleben
  • Schwierigkeiten bei der Partnersuche
  • Selbstüberschätzung
  • Materialismus (Siehe: Meine Seele für eine Markenhose)

Und dabei dachte ich nur an die Callboys, die freiwillig für einen besseren Lebensstil anschaffen gehen. Nicht außer Acht sollte man die Jungs lassen, die sich in einer echten Notsituation befinden, aus welche GayRomeo dann indirekt Kapital schlagen könnte.

Das Problem bei dieser Argumentation:
Ich finde mich plötzlich in genau der gleichen Situation wieder, wie Christen, die versuchen gegen den "Lebensstil" der Homosexualiät vorzugehen. Dort fallen ebenfalls Begründungen wie "Du wirst nicht glücklich", "Die Gesellschaft diskriminiert dich", "Schwule finden selten monogame Partner" und so weiter. Doch Moral kann man nicht an statistischen Werten fest machen. Nein, Glück ist keine Frage der rationalen Entscheidung. Und somit kann ich das alles auch nicht den Callboys vorwerfen.
Creative Commons by flickr user philippe leroyer
Darüber hinaus sehen vermutlich die meisten Callboys (Stricher seien mal ausgeklammert) ihr Leben als ganz und gar nicht unglücklich oder unmoralisch an. Denn kein Mensch sieht sich selbst als unmoralisch und jeder kann sich an so ziemlich alles gewöhnen - somit auch an ein Leben in der Prostitution.
Und genau da liegt der Hund begraben. Das Arbeiten im Sexbusiness verändert die Weltansicht.
Ich habe mit Freunden diskutiert und ihnen versucht meinen Standpunkt argumentatorisch darzulegen. Dabei muss man einfach feststellen, dass man nicht auf einen Nenner kommt, wenn die eigene Weltansicht (möchte sagen Sexualmoral) nicht geteilt wird.
Eine Sexualmoral existiert für viele ganz schlicht einfach nicht. Oder wie Michael Joseph Gross es schrieb (frei übersetzt): Sex ist das schwule Händeschütteln.

In diesem Zusammenhang kommt oft das "lass sie doch Spaß haben" Argument. Nachdem ich mich nun mit dem Thema auseinander gesetzt habe, würde ich dem widersprechen wollen. Bestimmt gibt es die ein oder andere "Edelnutte", die sich ihre Freier aussucht und für die es der pure Spaß ist. Von vielen habe ich mir hingegen sagen lassen, dass für Callboys Sex einen ganz anderen Stellenwert erhält und viele Kunden eben jenes Argument anwenden um den Preis zu drücken. Spaß sieht bestimmt anders aus.



"Jeder kann doch machen was er will"
Sicherlich. Da hört man keinen Widerspruch von mir - der Grundgedanke dahinter, die Freiheit des Menschen, ist nobel.
Dennoch sollte man sich die Gewissensfrage stellen: Wie frei wäre beispielsweise ein Junge, der 10.000 Euro Schulden hat und dem ein Escort-Profil auf dem Silbertablett serviert würde?
GayRomeo als Community ist mitnichten etwas natürlich gewachsenes oder gar Ausdruck der Gesellschaft. Es ist ein Unternehmen, dass wie jedes andere Unternehmen auf Profit ausgerichtet ist. Die Annahme, dass sie lediglich die Handlungsfreiheit eines jeden maximieren möchten, ist daher wenig plausibel. Und an dieser Stelle greift die Macht des Faktischen von der ich sprach. Alle User haben sich derart stark an die Funktionen von Romeo gewöhnt, dass niemand sie mehr in Frage stellt.
Was ich sagen möchte: Jeder ist für sich selbst verantwortlich, das sollte aber nicht heißen, dass ein Unternehmen für seine Dienste nicht hinterfragt werden darf.

Ob freier Wille oder nicht, alle Fachkundigen mit denen ich sprach bestätigten mir: Seit der Existenz von Gayromeo ist die Anzahl der Sexworker eindeutig gestiegen. Selbst ich konnte dies beobachten, wenn wir mal die Zahl der Escort-StarAccount als Indikator nehmen. Diese stieg in weniger als einem Jahr um mehr als 50%.

Alles in allem fügt sich die Escort-Rubrik bei Romeo durchaus stimmig in das Gesamtkonzept eines Sexportals ein. Ob sich die Admins um ihr Handeln Gedanken machen? Der Buchautor Traven schrieb einst: "Mit Skrupeln, die einem in der Kehle würgen, kann man kein Geld verdienen."

Und während ich mich in diesem Dilemma nun frage, ob die eine oder andere Weltanschauung günstiger ist, was Sexualmoral genau bedeutet, zwischen Freiheit und Sicherheit, Vorwürfen und Mitleid schwanke, dreht sich das blaue Räderwerk unermütlich weiter, wobei ich mir vorkomme wie Buridans Esel, der die Wahl zwischen zwei identischen Heuhaufen hat und deshalb verhungern muss.

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