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Religion

Kommen wir zu einem Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt.
Wie unterhält man sich mit einer religiösen Person?
Ein weiteres Tabu-Thema?!
Nicht ganz, doch Vorsicht ist geboten. Im ersten Teil möchte ich Verständnis für die Problematik schaffen und im Anschluss gehe ich auf konkrete Gesprächstipps ein.

Ein Plädoyer für mehr Toleranz
Ich rede jetzt nicht von jemanden, der flüchtig mit den christlichen Werten sympathisiert, sondern von einem tief gläubigen Menschen. Glauben wird von vielen belächelt. Es liegt zum Großteil daran, dass "Ungläubige" keine Vorstellung von Religiosität haben und ihnen das Verständnis fehlt, wie man an "so etwas" glauben kann. Bitte spiele den Glauben nicht herunter. Die ganze Angelegenheit ist nicht vergleichbar mit jemanden, der an (sagen wir) Horoskope glaubt oder an Weltverschwörungen. Der Glaube (und ich rede in erster Linie vom christlichen Glauben) ist eine Erfahrungswelt von ganz eigener Qualität. Es geht nicht nur um Fragen nach der Wahrheit, sondern um eine Lebenseinstellung, eine relativ abgeschlossene Gemeinschaft und veränderte (nicht weniger realistische) Wahrnehmung der Umwelt.

Ich bin seit Jahren überzeugter Christ - und schwul. Eine Mischung, die Spannung erzeugt. Doch ich möchte nicht über Glaubensinhalten berichten, sondern dir einen Einblick in die christliche "Szene" geben.
Was mir nämlich aufgefallen ist, dass es unheimlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Schwulen und Christen gibt. Und dennoch bekämpfen sich beide Gruppen manchmal bis aufs Messer.


Wo fange ich an?
Die Szene. Es gibt eine schwule Szene. Dort kennt jeder jeden. Es existieren ungeschriebene Verhaltensregeln und eine Menge Tratsch. Das gleiche findet sich auch bei den Christen. Ein Christ kann sich sein ganzes Leben lang nur mit Christen umgeben, wenn er möchte. Auch in dieser Szene kennt jeder jeden und auch hier gibt es wieder einen Verhaltenskodex. Aber nicht alle Schwule gehen gerne in die Szene.
Ebenso, wie szeneferne Schwuppen existieren, findet man (nicht wenige) kirchenferne Christen.

Beides sind Randgruppen und beide werden im Ausland verfolgt und ihnen droht mancherorts die Todesstrafe.
Es gibt auch so etwas wie ein christliches Outing. Denn zu sagen "Ich glaube" und Gefahr zu laufen als verrückt dargestellt zu werden, macht man nicht so nebenbei. Nicht wenige Christen werden von den Eltern für ihre Überzeugung ausgelacht.

Die Außenwahrnehmung wird in beiden Fällen durch Klischees bestimmt.
Der typische Schwule hat gebrochene Handgelenke, treibt es mit jedem, achtet auf modische Kleidung, geht unter den Tussitoaster - ich glaub Du weißt genau wovon ich rede.
Der typische Christ geht jeden Sonntag in die Kirche, ist prüde, man erkennt ihn man schon von weitem am "Kumbaya my Lord" Gesang, hat keinen Sex bis zur Hochzeit, ist brav und weltfremd, ein wenig unterbelichtet und schmettern jedem das "Jesus liebt dich" entgegen.
Diese Klischees könnten nicht weiter von der Realität entfernt liegen. Dennoch sind es genau diese Stereotypen, zu welchen je die "Gegenseite" greift.



Schwule, als auch Gläubige werden von der Außenwelt kaum verstanden. Sagt ein Schwuler einer Hete, dass er ihn lieb hat, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass er vor den Kopf gestoßen wird. Versucht ein Christ einen Ungläubigen zu missionieren, kann er eine vergleichbare ablehnende Haltung erfahren - obwohl er es nur gut meint.

Schwulen sagt man nach sie wären besonders einfühlsam. Christen versuchen(!) dies ebenfalls zu sein, um die Nächstenliebe umzusetzen. Einige Psychologen stellen Homosexuelle als psychisch Kranke da und andere Wissenschaftler bezeichnen den Glauben als eine Flucht vor der Realität. Beide werden somit (wenn auch selten) als "verrückt" bezeichnet.

Sprechen Christen von Schwulen, so reden sie von Sex und Werteverlust, nicht von Beziehung und Liebe. Sprechen Homos von Gläubigen, so reden sie über die Institution der Kirche und den Fehlern der Christen, aber nicht vom Glauben als solchen. Es wird viel aneinander vorbeigeredet.
Du siehst, dass es so manche Gemeinsamkeit gibt. Ok, ein paar Vergleiche hinken und es gibt auch ein paar wesentliche Unterschiede. Diese liegen jedoch in der Natur der Sache selbst.



Und obwohl man ja denken könnte, dass gerade Schwule tolerant gegenüber Andersdenkenden sein sollten, gehen nicht wenige bei religiösen Themen an die Decke. So manche Webseiten wettern pausenlos gegen den Glauben. Wenig konstruktiv.

Viele Christen sind homophob. Es gibt einige Gründe dafür - auch psychologische. Zum Teil müssen sie sich auch so zeigen, weil sie der älteren Generation verpflichtet sind und gefestigte gesellschaftliche "Moralstrukturen" die Grundlage für ihre Akzeptanz in der Gemeinde bilden.
Ein tiefer Riss ist in den Kirchen entstanden. Das Christentum hat nie eine Sexualmoral entwickelt und greift auf kulturelle Werte zurück. Uneinigkeit in der Interpretation der Bibel herrscht gerade in diesem Punkt. Sei ihnen nicht böse, wenn sie Schwule verbannen. Auch Christen sind nicht perfekt und folgen nicht immer dem Liebesgebot - es sind halt auch Menschen. Sie handeln teilweise so aus Verpflichtung, es ist nicht immer ihr eigene Entscheidung.
Darüber hinaus fällt es vielen schwer, sich ebenfalls als Sünder zu sehen - alle sind gleich, einige gleicher.

    Creative Commons by flickr user Man-san

Unter dem Strich sind Christen mit die hilfsbereitesten Menschen, die man auf Erden finden wird - nicht um sonst sind die meisten Hilfsorganisationen christlicher Natur. In der Gemeinde ist die Achtung des Anderen unglaublich und die Art Spaß zu haben so kreativ und unbefangen, wie man es selten erlebt.

Wie geht man mit diesem Thema um?
Zunächst einmal: Reiße keine Witze darüber (schon gar nicht über den Heiligen Geist).
Bleibe ernst bei dem Thema und zeige Interesse.
Verkneife dir geheucheltes Verständnis, wie zum Beispiel: "Ich glaube ja auch, dass es irgendwie einen Gott gibt - oder so etwas in der Art".
Das spielt nicht nur den anderen herunter ("Irgendwie ist ja alles wahr"), sondern wird auch sofort durchschaut. Im Ausland hört man nicht selten ein "Oh, dein Englisch ist aber ziemlich gut". Wenn man diesen Spruch von so ziemlich jeden hört, verliert er komplett an Bedeutung und wird nur noch belächelt. Ähnlich ist es mit der vorgespielten Anerkennung. Sei aufrichtig. Es ist besser, wenn Du ehrlich sagst, dass Du nichts damit anfangen kannst.

Ein Fehler wäre es zu sagen, dass es Gott nicht geben kann wegen all dem Leid in der Welt (oder ähnliches). Das ist sicherlich ein Grund nicht zu glauben, doch nicht DER Grund, weshalb Du nicht glauben kannst. Über das Thema sind Bände geschrieben worden und so manch gute Antwort ist dabei.
Glauben ist eine Sache des Herzens, nicht des Verstandes. Mit einem solchen Kommentar brichst Du nur eine riesen Diskussion vom Zaun, die im günstigsten Fall mit einem "Ich denke mal darüber nach" endet.



Rede niemals abfällig über den Glauben - auch wenn Du ganz allgemein davon sprichst. Dir fällt es sicher auch schwer dich nicht angesprochen zu fühlen, wenn man über Homosexuelle im Allgemeinen redet. Bei einer solchen Diskussion fühlen sich viele Christen natürlich auch angesprochen.
Mit Anmerkungen wie "ohne Religion gäbe es keine Kriege" punktest Du bestimmt nicht - zumal diese Haltung recht infantil ist.
Nutze keine Ausdrücke wie "OMG". Für einige ist das Gotteslästerung.
Sollte ein Christ versuchen dir Gott näher zu bringen, nimm es ihn nicht krumm, man möchte dir helfen. Eine gute Idee ist die Frage "Wie bist Du zum Glauben gekommen?".
Darüber berichten viele sehr gerne.

Rechne damit, dass sich bei einem tief gläubigen Menschen die erste Nacht hinauszögern wird (Ein paar Freunde von mit warteten mit dem Sex bis zur Hochzeit).
Unterscheide zwischen Kirche und Glaube. Die Kirche hat Blut an den Händen; der Glaube ist rein.
Auf der anderen Seite ist nicht überall Christ drin, wo Christ darauf steht. In meinem Leben traf ich so manchen "Christ", der gerne von seinem Glauben sprach, aber wenig danach handelte.


Bei der Gelegenheit möchte ich auf die Arbeitsgruppe HuK (Homosexualität und Kirche) aufmerksam machen. Dort findest Du fast alles wichtige zum Thema. Eins noch:
Die oft zitierte Seite Kreuz.net ist keine katholische Seite (Tue dir selbst einen Gefallen und folge diesem Link nicht)!
Die katholische Kirche distanziert sich von dessen Inhalt.
"kreuz.net gibt sich als katholischer Nachrichtendienst aus, wird aber von einer anonymen Gruppe "Sodalicium für Religion und Information" betrieben und ist kein kirchliches Projekt. Unter dem Deckmäntelchen des Katholizismus wird dort offen homophobes und rechtsextremes Gedankengut vertreten."
- kreuts.net

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