Samstag, 5. Juli 2008

Anekdoten aus einem schwulen Leben XII

Ich muss mit Second Life anfangen: Da gibt es einen Briten, er hat sich in einen anderen Avatar verliebt. Sie ist vollbusig, sie ist blond und sie schreibt intelligente Sachen. Er hat dann mit ihr gechattet, sie haben telefoniert und schließlich haben sie sich auch in der Realität getroffen, gefühlstrunken, optimistisch. Doch es hat nicht so geklappt, wie es sollte, sie war zwanzig Jahre älter als er, sie haben einen Kaffee getrunken, sie haben sich ein bisschen unterhalten und sind dann wieder getrennte Wege gegangen, aber bei Second Life sind sie trotzdem weiter zusammen.

Man kann das durchaus albern finden, aber es zeigt ein grundsätzliches Problem: Medien verändern uns und die modernen Medien sogar unsere Empfindungen. Nun ist dieser Gedanke nicht neu - und ich bin wieder das konservative Moralapostel -, aber manche Begriffe, die früher mit gewissen Werten verbunden worden sind, scheinen sich aufzulösen in einer schwammigen Welt der Hyperrealität. Vielleicht ist das Beispiel der beiden Liebenden uns befremdlich, aber in deren möglicher Vorstufe, der Freundschaft, ist es real.


Ich glaube, Christoph sagte einmal, dass er traurig darüber sei, wenn er bei GayRomeo wenige Messages oder nur selten Einträge auf die Pinnwand bei StudiVZ bekommt. Er misst seinen Beliebtheitsgrad an der Zahl dieser Nachrichten und zugegebenermaßen erwische ich mich ja auch dabei, dass ich neidisch nachschaue, wie viele Einträge Freunde auf der Pinnwand haben. Sind alle Verlinkungen auf diesen Plattformen wirklich Freunde? Gerade im Internet wird der Begriff "Freundschaft" inzwischen inflationär gebraucht und durch diesen inflationären Gebrauch verwischt die Definition des eigentlich wichtigen gesellschaftlichen Gutes "Freundschaft". Man kann das bedenklich finden, aber vielleicht ist das Beispiel mit Christoph nicht stark genug.

Und so habe ich vor einiger Zeit mit einem guten realen Freund darüber diskutiert, wie er solche Bekanntschaften im Internet bewertet. Wir haben durchaus Schnittstellen gefunden: Es ist wohl so, dass die Schwelle, bestimmte Dinge zu erzählen oder aber sich selbst Fehler einzugestehen, im Netz viel niedriger ist. Menschen öffnen sich hier schneller, man wird persönlicher, es entsteht rascher ein diffuses Vertrauensgebilde und oft vergisst man im Kennenlernrausch, dass man mit den erhaltenen Informationen kritisch umgehen sollte. Und so stellt sich eine Frage dringlicher denn je: Kann man einen Menschen, den man im Netz seit ein paar Monaten kennt und mit dem man sein Leben teilt, auch einen Freund nennen?


Ich würde sagen, dass man das nicht kann, ich nenne solche Menschen Internetfreunde. Aber scheinbar bin ich mit meiner Meinung in der jüngeren Generation alleine, einer Generation, die einen Satz wie "Ich hab Dich lieb" zu einer Floskel verkommen lässt. Und vielleicht kann man den Terminus Freundschaft heutzutage auch gar nicht definieren. Deswegen habe ich einmal verschiedene nahestehende Menschen gefragt, wie sie diesen Begriff definieren würden und die Ergebnisse waren erschreckend: Erst einmal zählte jeder komplett andere Eigenschaften dazu, das soweit war nicht unbedingt überraschend.

Überraschend war, dass für manch einen Freundschaft nichts anderes ist, als das regelmäßige Sehen und Spaß haben. Oder sogar nicht mal sehen: Simsen oder chatten reicht auch. Den anderen unterstützen? Für den anderen da sein im Notfall? Ein Kumpel sagte mir, dass im Falle eines Falles eh jeder auf sich allein gestellt sei. Da wackeln die Grundfeste einer Vertrautheit! Doch auf der anderen Seite wandelt sich unser Weltbild durch das Internet und nicht zuletzt durch die Verknüpfung von wildfremden Menschen in Foren zu virtuellen Workshops. Aber das ist auch kein wirkliches Argument, es zeigt nur, dass mancher Konservatismus durchaus angebracht ist. Und gerade Second Life ist ein wunderbares Beispiel, wie virtuelle Welt sich in unsere Realität einmischt und dass sie ein reales durchaus bestimmen kann. Der verliebte Brite lebt inzwischen von dieser Plattform, eigentlich ist er nämlich arbeitslos.

Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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Thommen (anonym) - 6. Jul, 02:03

Einschlag

Ich glaube, die neuen Generationen leiden darunter, dass sie im privaten Leben keine Meteor-Einschläge erleben, wie dies der Mainstream und der Konsum verspricht.
Auch bei mir versanden Kommunikationen schnell im Internet, wenn nicht ein tolles (Sex-)Erlebnis in Aussicht steht. Das Schicksal wird zur dominierenden Bestimmung im Leben. Nur keine Selbststeuerung, nur warten, warten - auf den/das/die "Richtige". Selbstverantwortung wird vermieden.

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