Dienstag, 8. Juli 2008

Was ist nur aus dem CSD geworden?

Der CSD hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vom eigentlichen politischen Anspruch entfernt. Es ist höchste Zeit für eine Trendwende.

Stell Dir vor, es ist CSD und keiner sieht hin. Die diesjährige Partyveranstaltung in Köln fand, obwohl sie ein Massenereignis sondergleichen war, kaum ein mediales Echo und nicht einmal die Süddeutsche Zeitung, Vorreiter bei schwulen Thematiken neben der taz aus Berlin, druckte ein Foto der tanzenden Horden. Doch immerhin widmete der WDR sich zu nächtlicher Zeit ausführlich der Veranstaltung und sendete als einziger großer Sender noch am gleichen Tag eine Dokumentation, in der ein Reportertteam einen Wagen begleitet hat vom Aufbau bis zur Parade.

Die gezeigte Realität bestand schließlich aus einem aufgemotzten kleinen Transporter mit zwei riesigen Lautsprecherboxen, einem näselnden Vorzeigeschwulen und jeder Menge nackter, tanzender Haut. Zwischendrin ein Streiflicht auf die vehement hohe HIV - Infektionsrate und schon hatte der öffentlich-rechtliche Sender die gängigsten Klischees zu einer halbstündigen Sendung aufgereiht.

Karawanisierende Love Parade

Nun muss man dem WDR zu Gute halten, dass er sich überhaupt dem Thema gewidmet hat. Vielleicht war die Sendung mit ihrem Fokus auch gar nicht so schlecht, weil sie auf diese Weise vermittelt hatte, dass der CSD den politischen Anspruch verloren hat, mit dem er vor Jahren gestartet war: Schon die Motti der Veranstalter sind oberflächlich und sehr allgemein gehalten. Und man kann sich durchaus fragen, warum diese Veranstaltung immer noch als politische Demonstration gilt, wo sie doch inzwischen nichts anderes mehr ist als eine karawanisierende Love Parade.

CSD-Berlin-1

Diese Nachlässigkeit hat seine Folgen. Beispiel Berlin, wo es mehrfach Geschlechtsverkehr inmitten der Parade (!) gab. Vermittlung von Toleranz? Fehlanzeige! Und auch die Wägen verlieren die politische Dimension: Mindestens ein Drittel der Dekoration des Wagens müsste zwar einen politischen Anspruch erfüllen oder wenigstens das Motto des CSD repräsentieren, tatsächlich aber ist das bei den wenigsten Wagen der Fall, weil sie zu Werbung für schwule Diskotheken oder Läden verkommen sind. Und wenn die Trucks sich zur Abschlußveranstaltung verabschieden, zieht die schwule Gemeinde in die beworbenen Clubs zum Weiterfeiern. Die parteipolitischen Statements der Politiker, die inzwischen fast die einzige politische Dimension des CSD ausmachen, finden kaum noch Beachtung. Aber schon die Trucks der Parteien sind ja bereits Wahlkampf.

Fehlende Handhabe gegen den Missbrauch

Gegen diese Entwicklung wird von den Veranstaltern nicht wirklich etwas unternommen. Zum Beispiel bei den Wagen: Sie wissen nicht, wie die anrollenden Trucks aussehen werden, zumal die meisten erst geschmückt werden, wenn sie in der Reihung stehen. Und so wird zwar auf die mangelnde politische Botschaft hingewiesen, aber ein Rausziehen wäre nur schwer möglich und würde gellenden Protest nach sich ziehen.

Doch immerhin scheint bei den Wagenbetreibern ein Bewußtsein für den mangelnden politischen Anspruch vorhanden: So haben die Fahrer beim Aufbau der Wagen in Stuttgart im letzten heftig untereinander diskutiert, dass der eigentliche Aspekt und Sinn des CSD immer mehr unterlaufen wird, um dann doch die Plakate der Diskotheken anzubringen.

Ein Hoch auf das Straßenfest

Nun muss man auch sagen, dass es natürlich nicht nur werbende Trucks in der Parade gibt, sondern sehr wohl auch Wagen, die das Motto der Parade umzusetzen versuchen. Sie werden meist von kleinen Vereinen betrieben. Ein weiteres positives Beispiel sind die begleitenden Straßenfeste: In Stuttgart hatte imn letzten Jahr unter Intiative der Aidshilfe ein mehrstündiges Programm stattgefunden mit vielen Ständen auf zwei zentralen Plätzen. Auf der Hauptbühne haben die Moderatoren mehrfach auf die Problematik HIV und Aids hingewiesen und rundherum an den Ständen hatten viele Vereine und alle großen Parteien über ihr Programm oder ihr Anliegen informiert.

CSD-Berlin-2

Sicher erhält eine rollende Partygemeinde mehr Aufmerksamkeit als eine dröge Moralveranstaltung. Sinn der Parade ist es auch nicht, tiefgreifende Gespräche über Toleranz zu führen und dadurch die Hemmschwellen zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen abzubauen. Auf der anderen Seite jedoch ist der CSD inzwischen fast durchgängig eine Auflaufplattform für schwulen Konsum. Und so vermittelt die Parade den Eindruck, als seien nun die Ziele, für die vergangene Generationen gekämpft haben, erreicht sodass man nun halbtrunken durch die Straßen ziehen könnte. Dass dem aber nicht so ist, kann man eigentlich nicht oft genug sagen. Vielleicht sagt der CSD es irgendwann auch wieder.

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http://gdtricks.twoday.net/stories/5044255/modTrackback

ondamaris (Gast) - 8. Jul, 18:06

schöner artikel, klasse. ich fühle mich sonntag irgendwei bei der 'parade' so fehl am platz, und später fragte selbst der auswärtige besuch, ob das nicht eher ein schützenfest sei ...
leider nehmt ihr scheinbar keine wp-pingbacks an? deswegen manuell ... http://www.ondamaris.de/?p=1984

GDmaster - 8. Jul, 21:40

Noch unterstützt das Twoday nicht
aber dafür haben wir ganz tolle Trackbacks

ps. über ein g bei Dating würde ich mich freuen *hihi*
ondamaris (Gast) - 9. Jul, 09:42

ooops --- nu is auch das g' drin --- sorry, das kommt davon wenn man 'schnell mal' was einpflegt ... ;-)
Magic M. (Gast) - 10. Jul, 10:13

Ein Silberstreif am Horizont?

Im Großen und Ganzen stimme ich Dir zu, Du bringst es auf den Punkt. Andererseits hatte ich auch schon im letzten Jahr das Problem meiner heterosexuellen männlichen Begleitung (es war sein erstes Mal) den eigentlichen Sinn, das damalige Motto und Zweck der ganzen Veranstaltung in Anbetracht des Gesehenen begreiflich zu machen.
Allerdings, wie Du schon schreibst, waren viele kleinere Gruppen doch sehr bemüht - ein Lichtblick zumindest.

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