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Mittwoch, 6. August 2008

Kleine Begriffskunde: Heteronormativität

Der Begriff der "Heteronormativität" wird immer wieder gerne im Bereich des schwulen Contents benutzt. Aber was ist das eigentlich?

Auch wenn der Terminus gerne benutzt wird, existiert überraschenderweise eine genaue Definition des Begriffes eigentlich gar nicht. Ich versuche ihn mal zu umreissen: Heteronormativität bezeichnet im Grunde die Annahme, dass Heterosexualität die "normale" Sexualität ist und dass es nur zwei Geschlechter auf der Welt gibt. Wohlgemerkt sind das keine Festlegungen, sondern teilweise unbewusste und reflexive Annahmen eines Individuums. Aber diese Annahmen scheinen wiederum so festzustehen, dass man sie nicht weiter zu hinterfragen scheint.

  Creative Commons by flickr user Rainan117
  Die etwas andere Regenbogenfamilie
  Moment der Unsicherheit

Ein Beispiel: Wenn sich zwei Menschen auf der Straße treffen und unterhalten, gehen beide Personen im Normalfall bewusst oder unbewusst davon aus, dass der Gesprächspartner heterosexuell ist. Gleichzeitig kann der eine den anderen aber auch einordnen: Er kann meist sagen, dass die andere Person männlich oder weiblich ist. Dass man diese Annahmen treffen kann und trifft ist ein Ergebnis der Heteronormativität. In dem Augenblick aber, wo einer der beiden Annahmen widerlegt werden, entsteht ein Moment der Unsicherheit.

Sicherung geltender Macht- und Herrschaftsstrukturen

Wir glauben also, dass Heterosexualität und auch Zweigeschlechtlichkeit eine gewisse Normalitätsstruktur hat. Das bedeutet aber auch, dass etwas als Normalität angesehen wird, was im Grunde aber eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die geltende Macht- und Herrschaftsverhältnisse sichert. Nicht umsonst gelten Schwule und Lesben nicht als normal, sondern sind erst einmal anders. Die Heteronormativität ist aber nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden, sondern auch viel grundsätzlicher verankert: in den gesellschaftlichen Strukturen, in der Familie, in Arten der Organisation. Es ist damit eigentlich nicht möglich, dem heteronormativen Ordnungssystem zu entkommen.

  Creative Commons by flickr user Rainan117
  Ausschluß aus der Gesellschaft
  Komplexitätsgrad aus Beziehungen genommen

Wozu soll aber die Heteronormativität dienen? Auf der einen Seite erleichtert sie die Orientierung in der Welt, in dem sie Dinge vereinfacht. Damit wird ein gewisser Komplexitätsgrad in zwischenmenschlichen Beziehungen herausgenommen. Das Verhalten eines Menschen scheint so berechenbarer zu sein und schafft eine gewisse Erwartungssicherheit. Auf der anderen Seite aber polarisiert diese Tatsache ungemein, sie reduziert die Vielfalt und priviligiert in gewisser Hinsicht heterosexuelle Lebensweisen und -praktiken. Somit entsteht eine Hierarchie zwischen Homosexualität und Heterosexualität.

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GDmaster - 6. Aug, 00:14

Begriffskunde

Wo wir bei den Begriffen sind:
Homosexualität und Homophilie wird oft in einen Topf geworfen.

Homosexualität: sexuelle Attraktion zum gleichen Geschlecht
Homophilie: "kennzeichnet positive Empfindungen dem eigenen Geschlecht gegenüber und ist damit das Gegenteil der Homophobie"
Homotropie: der Überbegriff

Thommen (Gast) - 6. Aug, 17:47

philie

Der Begriffswirrwar wird immer grösser, je grösser der Abstand zur Zeit wird, in denen bestimmte Begriffe gebraucht wurden...
Um die Begriffe zu verstehen, sollten die Wortteile erklärt werden!
- philie ist einer der griechischen Wörter für Liebe
- tropie bedeutet "Einwirkung auf etwas, Umwandlung von etwas" (Duden, techn. Begriff)
Der Gebrauch dieser Wörter erfolgte opportunistisch, d.h. zweckorientiert: Homophilie sollte die sexuelle Bedeutung nehmen und wurde zB in Zürich von Organisierten HS bis ca. 1970 v.a. öffentlich verwendet. Ein Parallelum zu bürgerlichen Begriffen, mit denen Heterosexualität "um"schrieben wird (zB Vater werden, ein Kind bekommen...)
Homotropie wurde im deutschen Sprachgebrauch (70er) von van den Spijker eingeführt und verwendet, aber selten gebraucht.

Der Oberbegriff "sexuelle Orientierung" ist heute gebräuchlich!
Aurisa - 6. Aug, 13:56

Ergänzung

Hallo,
wobei noch hinzuzufügen wäre, daß zur Heteronormität nicht nur gehört, daß:
1...das körperliche Geschlecht eindeutig ist und man...
2...auf das jeweils andere Geschlechts steht...
... sondern dazu kommt auch noch, daß dabei auch unterstellt wird, daß...
3...man sich auch zu seinem Geschlecht zugehörig fühlt und daß...
4... man sich auch so verhält, wie es der eigenen Geschlechterrolle entspricht...
Wer also bei obigen Punkten:
1.Intersexuell ist...
2.Homo- oder Bisexuell ist...
3.Transsexuell ist...
4.Emanze, Sofie, Mannweib oder sonstwie "aus der Geschlechterrolle fällt"
Der passt nicht in dieses heteronorme Weltbild und wird ausgegrenzt...
Viele Grüße
Aurisa

Thommen (Gast) - 6. Aug, 17:53

-normativität

Eine -normativität ist vor allem prägend und "ausbildend". zB eine hetero Norm...
Dabei wird immer vergessen, dass es keine Homonormativität gibt - ausser vielleicht den diversen "Homo-Ehen"...
Es gibt aber sehr wohl Heteronormen und - Rollen, die in homosexuelle Gruppen und auf Einzelne übertragen werden.

Wir sollten uns langsam aus der Aids-Krise heraus bewegen und ein neues, eigenes Normenspektrum schaffen!

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