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Dienstag, 29. Juli 2008

"Homosexualität scheint zu einem Trend-Thema hochgejazzt zu werden. Das kann nach hinten losgehen."

Patrick Kremers, Redaktionsleiter des schwulen Jugendmagazins dbna.de, über das Aufkommen von Communitys, den Wandel in der Gesellschaft und den Niedergang des CSD

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  Patrick Kremers
  nicht mehr gezwungen, ein Schattendasein zu führen

Lieber Patrick, Du bist Redaktionsleiter beim schwulen Jugendmagazin dbna.de. Stellst Du einen Wandel der Gesellschaft in der Meinung bei schwulen Thematiken fest?

Sicherlich ist unsere Gesellschaft offener im Umgang mit Homosexualität geworden. Der Paragraph 175, der Homosexualität kriminalisierte, ist abgeschafft. Homosexualität steht seit 13 Jahren nicht mehr auf der „Internationalen Liste für Krankheiten.“ In Deutschland gibt es seit mittlerweile sieben Jahren die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“, die homosexuellen Paaren zumindest in Teilen ein eheähnliches Zusammenleben ermöglicht. Die meisten Schwule und Lesben sind nicht mehr gezwungen, ein Schattendasein zu führen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Probleme mehr gibt. Diskriminierung gibt es auch heute noch zahlreich - nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern auch in der Politik.

Kannst du denn grundsätzlich sagen, welche Entwicklungen zu diesem Wandel beigetragen haben?

Diese Entwicklung hat auf vielen verschiedenen Ebenen stattgefunden. Ich bin kein Soziologe, ich kann nur mutmaßen. Schwul- oder Lesbischsein ist heute in großen Teilen des Landes kein Problem mehr. Eine große Rolle spielen dabei sicherlich auch Coming-outs von prominenten Persönlichkeiten. Hape Kerkeling ist schwul und trotzdem erfolgreich. Guido Westerwelle ist schwul und kann trotzdem Bundespolitik machen. Klaus Wowereit hat sich mit seinen Worten „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ selbst ein Denkmal gesetzt. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Auf der einen Seite zeigt das der Gesellschaft, dass Homosexuelle ganz normale Menschen sind. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch vielen Schwulen und Lesben, dass sie sich nicht verstecken müssen. Das ist wichtig für die Identifikation mit sich selbst.

Inwieweit beurteilst Du dabei das Aufkommen von Communitys wie dbna oder GayRomeo? Haben sie dazu beigetragen, dass Schwule offener mit Ihrer Sexualität umgehen können?

Das Internet spielt eine ganz wesentliche Rolle, weil es jungen Schwulen viele neue Möglichkeiten bietet. Gerade während eines Coming-outs können sie sich ganz anonym und unverbindlich über ihre Sexualität informieren. Früher musste man dafür in eine Jugendgruppe gehen, zumindest aber in eine Bibliothek. Die Hemmschwelle ist also heute niedriger als noch vor einem Jahrzehnt. Trotzdem muss man zwischen den unterschiedlichen Communitys unterscheiden. Gayromeo ist ein Dating-Portal, das sich vor allem an Erwachsene richtet. Spaß steht hier im Vordergrund. dbna hingegen richtet sich an schwule Jugendliche, die sich in ihrem Coming-out befinden.

Was ist bei dbna anders?

In unserer Community treffen junge Schwule aufeinander, die in einer schwierigen Phase ihres Lebens Orientierung suchen. Sie haben viele Fragen und finden bei uns Gleichgesinnte, mit denen sie sich austauschen können. Das zeigt ihnen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Problemen. Wir verstehen uns als eine Art Beratungs- und Coming-out-Portal. Ich glaube deshalb, dass dbna einen wichtigen Beitrag leistet. Bei uns lernen junge Schwule, offen mit ihrer Sexualität umzugehen, weil wir ihnen dabei helfen, zu sich selbst zu stehen. Dieses Selbstverständnis müssen sie dann in das reale Leben transportieren - dabei können wir leider nicht mehr helfen.

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  Journalist Kremers:
  unser Normalsein betonen

Glaubst Du, dass unsere Gesellschaft weiterhin offensive Toleranzkampagnen wie den CSD nötig hat?

Leider ist der CSD längst keine politische Kampagne mehr, er ist zu einer kommerzialisierten Party verkommen. Ich hätte nichts dagegen, ihn in seiner jetzigen Form einfach abzuschaffen. Anstatt vehement unser „Anderssein“ zu propagieren, sollten wir dazu übergehen, unser Normalsein zu betonen. Eine subtilere Kampagne könnte es nicht geben. Wie man das umsetzt, soll jeder für sich entscheiden. Dafür braucht es keine „Bewegung“ oder dergleichen.

Du selbst gehst offen mit Deiner Homosexualität um und hast auch ein Buch geschrieben. Ist diese Offenheit für Dich ein Hindernis bei anderen Medien?

Ich habe noch nie ein Problem wegen meiner Homosexualität gehabt. Weder privat, noch beruflich. Es passiert, dass man als schwuler Journalist und Autor gefragt wird, ob man etwas über Homosexualität schreiben möchte. Da sagt man im Zweifelsfall einfach Nein.

Zum zweiten Teil des Interviews: Patrick Kremers über das Bild der Schwulen in den Medien, das besondere Interesse heterosexueller Männer an Schwulen und warum Homosexualität heute kein Auflagenkiller mehr ist.


Mehr zum Thema findest Du hier:
Du bist nicht allein
Das schwule Jugendmagazin dbna wurde in diesem Jahr zehn Jahre alt. Dennoch kennt es kaum einer. Es ist an der Zeit, das zu ändern


Was ist nur aus dem CSD geworden?
Der CSD hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vom eigentlichen politischen Anspruch entfernt. Es ist höchste Zeit für eine Trendwende.


Wo ist der moderne Mann?
Früher war alles einfacher: Der Mann aus der Marlborowerbung war das geltende Männerideal - unrasiert, egoistisch und karrieregeil. Dann kam der metrosexuelle Mann, der sich pflegt und eincremt. Und nun gibt es gar kein Männerbild mehr. Oder doch?

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Chris (Gast) - 29. Jul, 17:14

danke für das interview und deinen coolen blog!

Dirk (Gast) - 31. Jul, 08:21

Das sehe ich ganz anders

Hierauf beziehe ich mich:
Leider ist der CSD längst keine politische Kampagne mehr, er ist zu einer kommerzialisierten Party verkommen. Ich hätte nichts dagegen, ihn in seiner jetzigen Form einfach abzuschaffen. Anstatt vehement unser „Anderssein“ zu propagieren, sollten wir dazu übergehen, unser Normalsein zu betonen. Eine subtilere Kampagne könnte es nicht geben. Wie man das umsetzt, soll jeder für sich entscheiden. Dafür braucht es keine „Bewegung“ oder dergleichen

Lies mal dazu meinen Bericht: "Straight Acting - oder der Untergang der schwul/lesbischen Community"
hier der Link: http://www.probondage.de/blog/?p=59

Gaylen Gruß
Dirk
Mr. Fetisch NRW 2008

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