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"Je größer der CSD wird, desto mehr ist der Träger ein ökonomischer und kein politischer Akteur"

Die Pressesprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland, Renate Rampf, über die Kommerzialisierung des CSD, das Zusammenspiel von Politik und Ökonomie und Akzeptanz als Menschenrecht

  Renate Rampf
  Renate Rampf:
  Spannungsfeld zwischen Politik und Konsum

Liebe Frau Rampf, was schätzen Sie am CSD?

Es ist für uns als Lesben- und Schwulenverband wichtig, den vielen Besuchern und auch den näher Interessierten unsere Forderungen zu präsentieren. Der CSD ist ein Forum, bei dem nicht nur Schwule und Lesben angesprochen werden, sondern auch die Medien und nebenbei findet eine Menge Lobbyarbeit statt. Man tauscht sich mit anderen Aktivisten aus und führt Hintergrundgespräche. Das ist wichtig.

Ist der CSD wirklich noch eine politische Veranstaltung oder doch eine Werbeveranstaltung für schwulen Konsum?

Ich sehe durchaus dieses Spannungsfeld zwischen Politik auf der einen und Konsum auf der anderen Seite. Leider ist es so, dass die politischen Botschaften immer mehr ins Hintertreffen geraten, je größer die CSDs werden. Dennoch ist die politische Idee, für die der CSD steht, nach wie vor präsent.

Wie sieht das aus?

Es gibt eine ganze Reihe von Projekten und Initiativen, die den CSD für ihre Forderungen nutzen. Das sieht man gerade in den kleinen Städten. In den ganz großen Städten - und Berlin ist da ein klassisches Beispiel - ist der CSD ein ökonomisches Projekt geworden. Eigentlich müsste man den CSD dort vergleichen mit ähnlichen Konzepten wie einem schwulen Buchladen oder einer schwulen Zeitung oder GayRomeo. All das sind ökonomische Akteure die auch eine politische Seite haben. aber in erster Linie ist es ökonomisch. Der CSD ist ein eingetragener Verein, der Politik macht, aber auf der anderen Seite gibt es auch ein ganz klares Businessanliegen. Und das muss man unterscheiden.

  Creative Commons by flickr user jÖrg
  Szene auf dem CSD:
  ein wichtiger Teil der Community

Aber beim CSD wirbt fast jeder Wagen und die eigentliche politische Botschaft auf den Wagen ist bis zur Unkenntlichkeit verkleinert worden. Wo besteht dann noch der Unterschied zum Beispiel zur LoveParade? Sie hat auch eine Botschaft, sie ist ein Straßenumzug und die Trucks sind großteils Werbeträger.

Wenn eine große, einflussreiche und wichtige Diskothek am CSD teilnimmt, warum nicht, sie stellt einen wichtigen Teil der Community dar. Man kann nicht sagen, dass dieser Auftritt weniger berechtigt ist. Es gibt eine gute Arbeitsteilung: die politischen Projekte und die vorrangig ökonomisch ausgerichteten. Je größer der CSD wird, desto mehr ist der Träger vorrangig ein ökonomischer und kein politischer Akteur. Aber noch mal: ich freue mich, wenn ein ökonomisch ausgerichtetes Projekt eine schwule Botschaft hat.

Sie würden also sagen: Ja, es gibt den ökonomischen Aspekt beim CSD, aber dieser ist in Ordnung, solange die politische Botschaft übermittelt wird.


Ja, der CSD selbst ist ein ökonomischer Akteur und es ist völlig richtig, dass das Forum CSD von ökonomischen Akteuren genutzt wird. Aber das ist nicht die Idee des CSD. Unverzichtbar ist, die politischen Akteure in ihrer Vielfalt einbezogen werden. Es reicht nicht, dem CSD EINE Botschaft zu geben, die dann vorne auf dem ersten Wagen steht. Das Forum muss von allen politischen Akteuren genutzt werden können.

Beunruhigt sie die Kommerzialisierung?

Mich beunruhigt es, wenn die Diskussion um das ökonomische Potential beim CSD so vereinfacht geführt wird. Ich freue mich, dass Schwule und Lesben im Businessbereich innerhalb der Community Geld verdienen. Man darf Politik und Ökonomie nicht verwechseln, aber man darf das auch nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt da auch eine Verantwortung der Ökonomie gegenüber der Politik: Ich erinnere nur daran, dass die Bestückung so eines Wagens mit Musik und professionellem Outfit mehrere tausend Euro kostet. Das kann sich kein Projekt leisten. Wenn es da nicht eine Zusammenarbeit gibt, werden die politischen Projekte und Verbände zum Fußvolk der Ökonomie. Das wäre fatal.

Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft noch eine Veranstaltung wie den CSD benötigt?

Selbstverständlich. Momentan haben wir die Situation, dass Schwule und Lesben nicht gleichberechtigt sind oder in allen Ebenen der Gesellschaft akzeptiert sind. Homosexualität ist weiterhin tabuisiert. Die drängende Normalität von Heterosexualität begegnet uns überall und da müssen wir einen Kontrapunkt setzen. Dafür ist der CSD gut. Aber der CSD ist immer nur eine Woche lang. Auch das restliche Jahr über muss Politik gemacht, müssen gleiche Rechte gefordert werden. Die Reichweite der CSDs ist daher immer begrenzt.

  Creative Commons by flickr user jÖrg
  Szene auf dem CSD in Berlin
  Wir wollen doch gar nichts Besonderes!

Nun nutzt sich das aber auch ab. Viele Menschen sehen den CSD als eine schrille Veranstaltung, aber die Botschaft erreicht sie nicht mehr. Wäre es da nicht besser, nachdem wir jahrzehntelang plakativ zum Beispiel durch den CSD gesagt haben, dass Schwule und Lesben genauso normal sind wie Heterosexuelle, auf subtilere Methoden umzusteigen?

Ich glaube nicht, dass der CSD die Aufgabe hat zu sagen, dass Lesben und Schwule genauso normal sind. Was ist denn normal? Schwule und Lesben sind auch anders. Wir sagen, dass wir gleiche Rechte wollen. An dieser Stelle sind wir nicht normal anerkannt. Und das müssen wir immer wieder sagen. Wir müssen jede Methode nutzen, die sich dafür anbietet. Interessant ist, dass die Medien Dinge schrill finden, die für Schwule ganz normal sind. Wenn Sie regelmäßig in der Schwulenszene sind, dann finden Sie irgendwann den angeblich ganz normalen Bürger schrill, aber nicht mehr den schwulen Bürger in Lederklamotten.

Die Schwulen organisieren sich ständig in Communitys, Verbänden und fordern, dass man sie nicht ausgrenzt. Auf der anderen Seite aber grenzen sie sich alleine durch die Organisation auch selbst aus.

Das hört sich an wie ein klassisches Argument der Gegner von Homosexuellenbefreiung und Gleichberechtigung. Das sind Behauptungen, die unsere Freunde in der Ukraine oder in Russland teuer bezahlen müssen. Überall wo Schwulenfeindlichkeit ist, gibt es Leute, die finden, das zuviel oder darüber gesprochen wird. In der Bundesrepublik haben wir das auch. Da hört man dann: "Es gibt doch einen schwulen Bürgermeister und den CSD - jetzt gebt doch endlich Ruhe!" Aber wir geben keine Ruhe, warum denn? Akzeptanz ist ein Menschenrecht! Wir wollen frei leben können! Wir wollen doch gar nichts Besonderes!

Aber was nützt es einem Menschen in Russland oder der Ukraine, wenn der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland Menschen aufklärt?

Die Organisationen achten darauf, wie viele Menschen in Deutschland Solidaritätsprogramme unterstützen. Das motiviert!


Lies weiter: Renate Rampf über die Vorbildfunktion schwuler Charaktere im Fernsehen, das Klischee als Chance und die versteckte Gier nach schwulem Inhalten.



Mehr zum Thema findest Du hier:
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Der CSD hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vom eigentlichen politischen Anspruch entfernt. Es ist höchste Zeit für eine Trendwende.

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