"Wenn unsere heutige rechtliche Situation ein Grund sein soll, um zu demonstrieren, dann müssten unsere Straßen verstopft sein"
Dirk Ludigs, Chefredakteur des schwulen Männermagazins "Front", über sein ambivalentes Verhältnis zum CSD und seinem Eindruck, dass in den Medien schwules Leben ein reiner Rosenmontag sei.

Front-Magazin
In einer offenen Gesellschaft leben, heißt auch mit Intoleranz leben
Lieber Herr Ludigs, Sie sind Chefredakteur des schwulen Männermagazins „Front“. Stellen Sie einen Wandel der Gesellschaft in der Meinung bei schwulen Thematiken fest?
Natürlich hat in den letzten Jahrzehnten, besonders seit den Neunzigerjahren, ein ganz grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit Homosexualität stattgefunden. Viele vergessen, dass die letzten Reste des Paragrafen 175, der einst Sex unter Männern verbot, erst 1994 abgeschafft wurden. Schon 2001 kam dann die Lebenspartnerschaft. Entsprechend offener ist auch der Umgang geworden. Die Geschichte der homosexuellen Emanzipation ist erst einmal eine ganz große Erfolgsgeschichte. Das wird gerne vergessen oder nicht ausreichend gewürdigt. Problemlos ist der Umgang mit dem Thema deshalb natürlich noch lange nicht.
Wo sehen Sie Problemfelder bei der Thematik?
Es gibt einfach einen intoleranten Teil in unserer Gesellschaft, zwischen 10 und 20 Prozent laut Studien. Homophobie muss man dabei in einem größeren Zusammenhang betrachten: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Toleranz lässt sich nicht verordnen, auch nicht einfach anerziehen. In einer offenen Gesellschaft zu leben, heißt meines Erachtens auch mit Intoleranz leben lernen zu müssen. Diese Erfahrung machen andere Minderheiten, zum Beispiel Juden seit Jahrhunderten. Wichtiger als den letzten überzeugen zu wollen, ist es meiner Meinung nach immer wieder für ein gesellschaftliches Klima einzutreten, in dem Intoleranz geächtet, Gewalt gegen Minderheiten geahndet und für ein friedliches Miteinander geworben wird. Das gilt heute besonders im Verhältnis von Schwulen mit Menschen mit dem berühmten "Migrationshintergrund", insbesondere mit Muslimen – und männlichen Jugendlichen, aus den so genannten bildungsfernen Schichten und/oder mit rechtsrsadikalen Überzeugungen.

Aids-Präventionskampagne
Vor allem die Aids-Debatte hat viel zur Entwicklung beigetragen
Können Sie grundsätzlich sagen, welche Entwicklungen zu einem möglichen Wandel beigetragen haben?
Überraschenderweise war es vor allem die Aids-Debatte der späten Achtziger und frühen Neunzigerjahre, die Homosexualität auf die Tagesordnung gesetzt und damit viel zur Beschleunigung der Entwicklung beigetragen hat. Das Netz kam für diese Entwicklung fast schon zu spät, sie hatte da längst eingesetzt.
Glauben Sie, dass auch Plattformen wie GayRomeo oder dbna dazu beigetragen haben, dass Schwule offener mit Ihrer Sexualität umgehen können?
Portale wie Gayromeo und dbna haben sicherlich viel dazu beigetragen, die Entwicklung in die Tiefe des ländlichen Raums zu tragen. Es war auf einmal nicht mehr notwendig, in einer Großstadt zu leben, um am schwulen Leben teilzunehmen. Insofern sind sie sicherlich Teil des emanzipatorischen Prozesses.

Szene auf dem Hamburger CSD
Schwules Leben ein einziger Rosenmontag?
Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft weiterhin offensive Toleranzkampagnen wie den CSD nötig hat?
Mein persönliches Verhältnis zum CSD ist sehr ambivalent. Wenn unsere heutige rechtliche Situation tatsächlich ein Grund sein soll, um auf der Straße für unsere Rechte zu demonstrieren, dann müssten unsere Straßen täglich von Polit-Demos verstopft sein: von Rentnern, Behinderten, Arbeitslosen, alleinerziehenden Eltern, Ausländern... Außerdem erwecken die medialen Bilder von den CSDs den Eindruck, schwules Leben sei ein einziger Rosenmontag – ein Zerrbild, dass es Jugendlichen im Alltag nicht unbedingt leichter macht, das eigene Schwulsein zu akzeptieren. Also abschaffen? Vielleicht geben die amerikanischen Paraden einen Wink für die Zukunft: Statt Polit-Demo (die die CSDs in Wahrheit ja längst schon nicht mehr sind) einfach eine selbstverständliche und selbstbewusste Feier der eigenen Identität unter Verzicht auf Parolen und langweiliger Politikerreden. Wichtiger aber als an einem einzelnen Tag demonstrativ Selbstbewusstsein zur Schau zu stellen, ist das selbstverständliche Leben der eigenen Identität im Alltag: in der Familie, im Job und bei Freunden. Das trägt mehr zur Toleranz bei als alle CSDs dieser Welt.
LIes weiter: Dirk Ludigs über die Frage, warum in Deutschland keine Serien mit schwulen Inhalt produziert werden und warum Mädchen dazu beitragen, dass es überhaupt schwule Charaktere in deutschen Serien gibt

Front-Magazin
In einer offenen Gesellschaft leben, heißt auch mit Intoleranz leben
Lieber Herr Ludigs, Sie sind Chefredakteur des schwulen Männermagazins „Front“. Stellen Sie einen Wandel der Gesellschaft in der Meinung bei schwulen Thematiken fest?
Natürlich hat in den letzten Jahrzehnten, besonders seit den Neunzigerjahren, ein ganz grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit Homosexualität stattgefunden. Viele vergessen, dass die letzten Reste des Paragrafen 175, der einst Sex unter Männern verbot, erst 1994 abgeschafft wurden. Schon 2001 kam dann die Lebenspartnerschaft. Entsprechend offener ist auch der Umgang geworden. Die Geschichte der homosexuellen Emanzipation ist erst einmal eine ganz große Erfolgsgeschichte. Das wird gerne vergessen oder nicht ausreichend gewürdigt. Problemlos ist der Umgang mit dem Thema deshalb natürlich noch lange nicht.
Wo sehen Sie Problemfelder bei der Thematik?
Es gibt einfach einen intoleranten Teil in unserer Gesellschaft, zwischen 10 und 20 Prozent laut Studien. Homophobie muss man dabei in einem größeren Zusammenhang betrachten: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Toleranz lässt sich nicht verordnen, auch nicht einfach anerziehen. In einer offenen Gesellschaft zu leben, heißt meines Erachtens auch mit Intoleranz leben lernen zu müssen. Diese Erfahrung machen andere Minderheiten, zum Beispiel Juden seit Jahrhunderten. Wichtiger als den letzten überzeugen zu wollen, ist es meiner Meinung nach immer wieder für ein gesellschaftliches Klima einzutreten, in dem Intoleranz geächtet, Gewalt gegen Minderheiten geahndet und für ein friedliches Miteinander geworben wird. Das gilt heute besonders im Verhältnis von Schwulen mit Menschen mit dem berühmten "Migrationshintergrund", insbesondere mit Muslimen – und männlichen Jugendlichen, aus den so genannten bildungsfernen Schichten und/oder mit rechtsrsadikalen Überzeugungen.

Aids-Präventionskampagne
Vor allem die Aids-Debatte hat viel zur Entwicklung beigetragen
Können Sie grundsätzlich sagen, welche Entwicklungen zu einem möglichen Wandel beigetragen haben?
Überraschenderweise war es vor allem die Aids-Debatte der späten Achtziger und frühen Neunzigerjahre, die Homosexualität auf die Tagesordnung gesetzt und damit viel zur Beschleunigung der Entwicklung beigetragen hat. Das Netz kam für diese Entwicklung fast schon zu spät, sie hatte da längst eingesetzt.
Glauben Sie, dass auch Plattformen wie GayRomeo oder dbna dazu beigetragen haben, dass Schwule offener mit Ihrer Sexualität umgehen können?
Portale wie Gayromeo und dbna haben sicherlich viel dazu beigetragen, die Entwicklung in die Tiefe des ländlichen Raums zu tragen. Es war auf einmal nicht mehr notwendig, in einer Großstadt zu leben, um am schwulen Leben teilzunehmen. Insofern sind sie sicherlich Teil des emanzipatorischen Prozesses.

Szene auf dem Hamburger CSD
Schwules Leben ein einziger Rosenmontag?
Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft weiterhin offensive Toleranzkampagnen wie den CSD nötig hat?
Mein persönliches Verhältnis zum CSD ist sehr ambivalent. Wenn unsere heutige rechtliche Situation tatsächlich ein Grund sein soll, um auf der Straße für unsere Rechte zu demonstrieren, dann müssten unsere Straßen täglich von Polit-Demos verstopft sein: von Rentnern, Behinderten, Arbeitslosen, alleinerziehenden Eltern, Ausländern... Außerdem erwecken die medialen Bilder von den CSDs den Eindruck, schwules Leben sei ein einziger Rosenmontag – ein Zerrbild, dass es Jugendlichen im Alltag nicht unbedingt leichter macht, das eigene Schwulsein zu akzeptieren. Also abschaffen? Vielleicht geben die amerikanischen Paraden einen Wink für die Zukunft: Statt Polit-Demo (die die CSDs in Wahrheit ja längst schon nicht mehr sind) einfach eine selbstverständliche und selbstbewusste Feier der eigenen Identität unter Verzicht auf Parolen und langweiliger Politikerreden. Wichtiger aber als an einem einzelnen Tag demonstrativ Selbstbewusstsein zur Schau zu stellen, ist das selbstverständliche Leben der eigenen Identität im Alltag: in der Familie, im Job und bei Freunden. Das trägt mehr zur Toleranz bei als alle CSDs dieser Welt.
LIes weiter: Dirk Ludigs über die Frage, warum in Deutschland keine Serien mit schwulen Inhalt produziert werden und warum Mädchen dazu beitragen, dass es überhaupt schwule Charaktere in deutschen Serien gibt
baumarktpflanze - 18. Aug, 00:01
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