"Deutschland ist zu klein und die Verantwortlichen oftmals zu provinziell in ihrer Denke"
DIrk Ludigs, Chefredakteur des schwulen Männermagazins "Front" über die Frage, warum in Deutschland keine Serien mit schwulen Inhalt produziert werden und warum Mädchen dazu beitragen, dass es überhaupt schwule Charaktere in deutschen Serien gibt
Lies erstmal Teil 1!

Front-Magazin
Massenmedien haben die Tendenz, die Welt als Klischee abzubilden
Würden Sie der These zustimmen, dass Schwule und Lesben in den Medien vor allem klischeeisiert dargestellt werden?
Massenmedien haben grundsätzlich die Tendenz, die Welt als Klischee abzubilden. Da machen sie bei Homosexuaiität keine Ausnahme, sie arbeiten aber auch meines Erachtens nicht extra klischeebeladen. Es kommt am Ende doch sehr darauf an, um welche Medien es sich handelt. So macht die konservative FAZ zum Beispiel eine in der Regel sehr kluge und kenntnisreiche Berichterstattung zu Themen wie Homosexualität und Aids, die ich mir in manchen schwulen Blättern so wünschen würde, während der Spiegel sich bis heute gegenüber Frauen und Schwulen eher machohaft und herablassend gebärdet. Natürlich kann man sich immer mehr Berichterstattung wünschen, man darf sich aber auch mal selbstkritisch eingestehen, dass vieles in der schwulen Welt außerhalb davon nur mäßigen Nachrichtenwert hat. Darum ist es gut, dass es spezielle Medien wie "Front" gibt, die dem Thema mehr Raum geben können.
Glauben Sie, dass diese schwule Charaktere vor allem Quotenschwule/-lesben sind?
Eine Schwulenquote bei deutschen Fernsehsendern wäre vielleicht ein gute Idee, es gibt sie aber nicht. Schwule und Lesben kommen in Soaps vor, weil sie als Charaktere exotisch sind, weil sie Konfliktpotenzial in sich tragen, weil z.B. Mädchen schwule Jungs oft "süß" finden und deswegen die Serie anschauen. Insofern sind sie natürlich doch Quotenschwule, denn sie dienen der Quote, und wenn sie keine Quote bringen, werden sie aus der Serie rausgeschrieben.

Signierte Queer as Folk Tassen
Auf dem falschen Sendeplatz und zu amerikanisch
Warum haben Ihrer Meinung nach Serien, die vermehrt auf schwule und lesbische Thematiken setzen, wie beispielsweise Six feet under oder Queer as folk, in Deutschland nur sehr wenig Erfolg? Sind die Serien für das Publikum zu anspruchsvoll?
Queer as Folk war nicht zu anspruchsvoll, sondern auf dem falschen Sendeplatz und meines Erachtents zu amerikanisch, als dass sich das deutsche Publikum darin hätte wiederfinden können. Warum Deutschland solche Serien nicht produziert – das ist die eigentliche Frage ... eine Antwort: Deutschland ist zu klein und die Verantwortlichen oftmals zu provinziell in ihrer Denke.
Glauben Sie, dass offensiv schwule Themen auf Zeitschriftencovern Auflagenkiller sind?
Grundsätzlich? Nein. Darum gibt es ja gelegentlich auch solche Cover bei Mainstream-Medien. Bei schwulen Magazinen sind sie natürlich Pflicht.
Sie sind ja ein schwules Medium. Wie würden Sie die Zielgruppe Ihres Magazins beschreiben? Umwerben Sie wirklich nur schwule Männer?
Wir wollten ein Magazin machen, dass schwule Männer anspricht, auf die zum Teil etwas altbackene "Regenbogenfolklore" aber verzichten. Intern nennen wir das spaßeshalber schwul2.0, Es ist ein journalistischer Ansatz, der versucht das alte Lagerdenken zu überwinden. Schließlich empfinden sich viele schwule Männer heute nicht mehr als marginalisiert oder Teil einer Randgruppe sondern als ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Sie sehen sich nicht im Abseits sondern vielmehr weit vorne --- an der gesellschaftlichen Front eben. So ist auch nicht Homosexualiität per se das Thema von Front, sondern Thema in Front wird, was schwule Männer interessiert. Und damit sind wir eben immer auch offen für andere Leser.

Regenbogenfahnen
Journalistischer Ansatz, altes Lagerdenken zu überwinden
Wird Ihr Magazin gleichwertig auch von heterosexuellen Männern gekauft? Ist andererseits Ihr Magazin vielleicht auch bei Frauen besonders beliebt?
Ca. 71 Prozent der Front-Leser definieren sich als schwul, ca. 12 Prozent als hetero, der Rest sieht sich dazwischen. Und jeder zehnte Leser ist eine Frau.
Bei unserem Blog haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir immer wieder Fragen gestellt bekommen, die in die Richtung tendieren, wie Schwule eigentlich sind und wie man sie erkennt. Wird Ihre Redaktion eigentlich auch als Anlaufstelle mit solchen Fragen zu homosexuellen Thematiken konfrontiert?
Weniger von unseren Lesern, sehr stark aber von anderen Medien. Bild, RTL und SAT1 klingeln gerne in unsere Redaktion an, wenn es mal wieder ums Schwulsein geht. Und das ist auch gut so!
Lieber Herr Ludigs, vielen Dank für das Gespräch!
Nächsten Montag:
Karin Kontny über ihre Recherchen zur christlichen Organisation Wüstenstrom, die sie für die Zeit gemacht hat und nun mit Drohanrufen und gehässigen Mails aus dem Spektrum christlich-konservativer Sekten verfolgt wird. Und über den Traum, Journalistin zu werden.
Lies erstmal Teil 1!

Front-Magazin
Massenmedien haben die Tendenz, die Welt als Klischee abzubilden
Würden Sie der These zustimmen, dass Schwule und Lesben in den Medien vor allem klischeeisiert dargestellt werden?
Massenmedien haben grundsätzlich die Tendenz, die Welt als Klischee abzubilden. Da machen sie bei Homosexuaiität keine Ausnahme, sie arbeiten aber auch meines Erachtens nicht extra klischeebeladen. Es kommt am Ende doch sehr darauf an, um welche Medien es sich handelt. So macht die konservative FAZ zum Beispiel eine in der Regel sehr kluge und kenntnisreiche Berichterstattung zu Themen wie Homosexualität und Aids, die ich mir in manchen schwulen Blättern so wünschen würde, während der Spiegel sich bis heute gegenüber Frauen und Schwulen eher machohaft und herablassend gebärdet. Natürlich kann man sich immer mehr Berichterstattung wünschen, man darf sich aber auch mal selbstkritisch eingestehen, dass vieles in der schwulen Welt außerhalb davon nur mäßigen Nachrichtenwert hat. Darum ist es gut, dass es spezielle Medien wie "Front" gibt, die dem Thema mehr Raum geben können.
Glauben Sie, dass diese schwule Charaktere vor allem Quotenschwule/-lesben sind?
Eine Schwulenquote bei deutschen Fernsehsendern wäre vielleicht ein gute Idee, es gibt sie aber nicht. Schwule und Lesben kommen in Soaps vor, weil sie als Charaktere exotisch sind, weil sie Konfliktpotenzial in sich tragen, weil z.B. Mädchen schwule Jungs oft "süß" finden und deswegen die Serie anschauen. Insofern sind sie natürlich doch Quotenschwule, denn sie dienen der Quote, und wenn sie keine Quote bringen, werden sie aus der Serie rausgeschrieben.

Signierte Queer as Folk Tassen
Auf dem falschen Sendeplatz und zu amerikanisch
Warum haben Ihrer Meinung nach Serien, die vermehrt auf schwule und lesbische Thematiken setzen, wie beispielsweise Six feet under oder Queer as folk, in Deutschland nur sehr wenig Erfolg? Sind die Serien für das Publikum zu anspruchsvoll?
Queer as Folk war nicht zu anspruchsvoll, sondern auf dem falschen Sendeplatz und meines Erachtents zu amerikanisch, als dass sich das deutsche Publikum darin hätte wiederfinden können. Warum Deutschland solche Serien nicht produziert – das ist die eigentliche Frage ... eine Antwort: Deutschland ist zu klein und die Verantwortlichen oftmals zu provinziell in ihrer Denke.
Glauben Sie, dass offensiv schwule Themen auf Zeitschriftencovern Auflagenkiller sind?
Grundsätzlich? Nein. Darum gibt es ja gelegentlich auch solche Cover bei Mainstream-Medien. Bei schwulen Magazinen sind sie natürlich Pflicht.
Sie sind ja ein schwules Medium. Wie würden Sie die Zielgruppe Ihres Magazins beschreiben? Umwerben Sie wirklich nur schwule Männer?
Wir wollten ein Magazin machen, dass schwule Männer anspricht, auf die zum Teil etwas altbackene "Regenbogenfolklore" aber verzichten. Intern nennen wir das spaßeshalber schwul2.0, Es ist ein journalistischer Ansatz, der versucht das alte Lagerdenken zu überwinden. Schließlich empfinden sich viele schwule Männer heute nicht mehr als marginalisiert oder Teil einer Randgruppe sondern als ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Sie sehen sich nicht im Abseits sondern vielmehr weit vorne --- an der gesellschaftlichen Front eben. So ist auch nicht Homosexualiität per se das Thema von Front, sondern Thema in Front wird, was schwule Männer interessiert. Und damit sind wir eben immer auch offen für andere Leser.

Regenbogenfahnen
Journalistischer Ansatz, altes Lagerdenken zu überwinden
Wird Ihr Magazin gleichwertig auch von heterosexuellen Männern gekauft? Ist andererseits Ihr Magazin vielleicht auch bei Frauen besonders beliebt?
Ca. 71 Prozent der Front-Leser definieren sich als schwul, ca. 12 Prozent als hetero, der Rest sieht sich dazwischen. Und jeder zehnte Leser ist eine Frau.
Bei unserem Blog haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir immer wieder Fragen gestellt bekommen, die in die Richtung tendieren, wie Schwule eigentlich sind und wie man sie erkennt. Wird Ihre Redaktion eigentlich auch als Anlaufstelle mit solchen Fragen zu homosexuellen Thematiken konfrontiert?
Weniger von unseren Lesern, sehr stark aber von anderen Medien. Bild, RTL und SAT1 klingeln gerne in unsere Redaktion an, wenn es mal wieder ums Schwulsein geht. Und das ist auch gut so!
Lieber Herr Ludigs, vielen Dank für das Gespräch!
Nächsten Montag:
Karin Kontny über ihre Recherchen zur christlichen Organisation Wüstenstrom, die sie für die Zeit gemacht hat und nun mit Drohanrufen und gehässigen Mails aus dem Spektrum christlich-konservativer Sekten verfolgt wird. Und über den Traum, Journalistin zu werden.
baumarktpflanze - 19. Aug, 00:01
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