"GayRomeo ist eindeutig das wichtigste Internetportal für Callboys in Deutschland"
Im Interview: Diplom-Sozialpädagoge Ralf Rötten. Er arbeitet für das Projekt Querstrich, das Callboys in Berlin berät. Querstrich ist ein Projekt von SUB/WAYberlin e.V. (www.querstrich.de) und berät persönlich, telefonisch, per Email und ebenfalls über GayRomeo, wenn es um Escorts geht.
Lieber Herr Rötten, Sie beraten Callboys bzw. Escorts. Mit welchen Fragestellungen kommen die Jungs zu Ihnen?
Der Großteil der Beratung konzentriert sich auf Fragen wie "Wo finde ich Kunden", "Wie realistisch ist meine Idee, Callboy zu werden" und "Wie kann ich Werbung für mich machen". Aber wir beraten auch in Problemsituationen. Die meisten Anfragen kommen von Neueinsteigern, die nach der Beratung sogar in einigen Fällen gar nicht mehr einsteigen wollen.
Kommen hauptsächlich schwule Jungs zu Ihnen?
Offiziell beraten wir homo- und heterosexuelle Callboys. Die meisten Beratungsgespräche beziehen sich aber auf Mann-Mann Sexdienstleistungen.
Wie sieht der typische Callboy aus?
Wir unterscheiden zwischen Callboys und Strichern. Stricher sind Jungs, die anschaffen gehen, Jungs, die aus benachteiligen Lebenssituationen kommen. Einige sind arbeitslos und schaffen in Bars an. Circa achtzig Prozent der Stricher sind Migranten und ein nicht geringer Anteil sind dabei Wanderarbeiter, die für zwei oder drei Monate nach Berlin kommen, anschaffen gehen und danach wieder weg gehen. Die Stricher sind, salopp gesagt, richtig arm dran: Teilweise mit geringem Bildungsniveau, ohne Perspektiven und einige auch obdachlos.
Und der Callboy?
Ein typischer Callboys ist ab Mitte Zwanzig, verfügt über eine eigenen Wohnung und Grundformen der Absicherung. Viele sind Studenten, Azubis, Arbeitslose oder Berufstätige. Für sie ist die Motivation ebenfalls das Geld, doch anders als bei den Strichern handelt es sich mehr um ein Zubrot. Nur wenige Callboys leben ausschließlich von den Sexdienstleistungen.
Gibt es neben dem Geld noch weitere Beweggründe?
Wir stellen immer wieder fest, dass der Hauptgrund wirklich das Geld ist. Darüber hinaus suchen einige, besonders reifere Callboys, in ihrer Arbeit Anerkennung und Selbstbestätigung.
Wie viele schwule Callboys sind in Deutschland aktiv?
Das kann nicht genau beziffert werden. Diese Ungenauigkeit hängt damit zusammen, dass es sehr viele nur nebenbei machen. Gerade seit dem Bestehen von GayRomeo und seit der Möglichkeit des Internets hat sich generell die Zahl der derjenigen, die nebenbei anschaffen gehen, stark vervielfacht. Heute kann man sich einfach im Netz ein Profil erstellen. Früher hingegen musste man als Callboy zum Beispiel erst zu einem schwulen Magazin gehen, dort eine Anzeige aufgeben und diese oft mit der Vorlage des Personalausweises legitimieren. Das schreckt ab, "nebenbei" Sexworker zu werden.
Wie viel verdient der durchschnittliche Callboy?
Das variiert sehr stark. Eine magische Grenze, die wir hier in Berlin immer wieder feststellen, sind 800 Euro im Monat. Es ist relativ einfach, 800 Euro im Monat zu verdienen, für denjenigen, der mehr verdienen will, wird es jedoch sehr anstrengend.
Ist Callboy ein normaler Job, wie jeder andere auch?
Das glaube ich nicht. Ich hoffe aber, dass Sexworker ein immer akzeptierterer Beruf werden wird. Doch ein Job wie jeder andere ist es ganz sicher nicht. Doch auch der Psychotherapeut ist kein Job wie jeder andere. Meiner Schätzung nach wird in den nächsten 20 Jahren in dem Bereich eine starke Normalisierung einsetzen.

Mit welchen Problemen wird ein Callboy konfrontiert?
Bei unseren Veranstaltungen taucht immer wieder die Frage auf: "Wie offen gehe ich mit meiner Tätigkeit um?". Dieses Problem des Doppellebens ist ein klassisches in der Branche. Meiner Meinung nach ist dieser Konflikt häufiger auf eine Art Selbstdiskriminierung zurück zu führen, als dass sie tatsächlich von außen diskriminiert werden.
Was gibt es noch für Fragen?
Ein weiteres Problem stellt die Partnersuche dar. Partnerschaften von Callboys verändern sich durch ihren Beruf. Dabei denke ich an zwei Aspekte: Zum einen, wenn der Sexworker schon einen Partner vorher hat, wird es nicht selten zum Konflikt, dass er innerhalb der Partnerschaft Sex mit anderen Männern hat. Zum anderen verändern sich Partnerschaften in sofern, dass auf einmal in der Beziehung alles wichtig wird, nur der Sex halt nicht mehr.
Vor einigen Wochen hat ein Pornostar in meinem Blog gestanden, dass er sich mit der Zeit selbst nicht mehr im Spiegel angucken mochte. Würden Sie sagen, dass Escorts ebenso psychische Probleme entwickeln können?
Ich glaube, dass die Arbeit im Sexbusiness Leute sehr stark verändert.
…im negativen Sinn?
Nein, wir beobachten beides. Einige entwickeln sich durchaus zu ihrem Besseren. In der Prostitution kommt es manchmal vor, dass Leute einsteigen, die sehr schüchtern und kontaktscheu sind. Solche Callboys entwickeln durch ihren Job ein höheres Selbstbewusstsein und werden oft selbstbestimmter.
Aber?
Als Sexworker kommt es nur ganz selten vor, dass ein Kunde dir sagt "ich war damit nicht zufrieden". Callboys erhalten meist nur positives Feedback. Und das wird zu einem langwierigen Problem, denn die Jungs fangen an, zur gnadenlosen Selbstüberschätzung zu neigen und sind kaum noch kritikfähig. Dieses "Ego" wirkt sich dann natürlich auch auf andere Lebensbereiche aus.
Wie steht es mit der Gesundheit?
Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig. Meiner Meinung nach ist die Gefahr im privaten Umfeld weitaus größer. Am Anfang der AIDS-Krise wurde vermutet, dass Frauen in der Prostitution die Ausbreitung der Krankheit fördern. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass dies in keiner Weiser der Fall war. Bei schwulen Männer verhält sich das nach meiner Einschätzung ganz ähnlich. Die Infektionsrate unter schwulen Sexworkern ist nicht größer als bei anderen Schwulen. Sex mit einem fremden Mann geschützt zu haben, ist nicht so schwer, wie in einer langjährigen Partnerschaft.
Angenommen, jemand tritt an Sie heran und sagt Ihnen, er spiele mit dem Gedanken Callboy zu werden. Würden Sie ihm davon abraten?
Zunächst würde ich mit ihm seine Motivation klären: Warum möchte er das gerne machen? Danach würde ich auf die Rahmenbedingungen eingehen und ihm daraufhin eine Einschätzung geben, wie seine Marktchancen stehen.
Welchen Stellenwert hat GayRomeo für Escorts?
GayRomeo ist eindeutig das wichtigste Internetportal für Callboys in Deutschland. Das hängt damit zusammen, dass es allgemein das größte schwule Portal ist. Wen man überhaupt nicht über GayRomeo erreicht sind die Männer, die noch nicht einmal ansatzweise eine gleichgeschlechtliche Identität haben: Zu dieser Gruppe gehört zum Beispiel der Verheiratete, der zum größten Teil mit seiner Frau schläft, aber für bestimmte sexuelle Dienstleistungen zu einem Mann geht. Allein das Wort "Gay" in "GayRomeo" würde ihn abschrecken. Diese Gruppe darf man durchaus nicht unterschätzen - auf die Gesamtzahl aller Callboys gesehen macht sie schätzungsweise die Hälfte aller Kunden aus.
Welche Vor- und Nachteile bietet Romeo denn?
Ein großer Vorteil ist, dass es erst einmal kostenfrei ist. Ich finde, dass GayRomeo technisch und von den Möglichkeiten her mit Abstand den besten Service bietet. Nachteile sehe ich darin, dass durch die Einfachheit des Portals Schwule unbedacht mit dem Thema umgehen und vorher nicht reflektieren, auf was sie sich einlassen.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, die Escort-Rubrik bei Romeo abzuschaffen, würden Sie diese nutzen?
Nein. Ich habe sogar GayRomeo am Anfang ein wenig geholfen, dieses Konzept zu entwickeln. So haben wir beispielsweise den Text "Tipps für Escorts und deren Kunden" entworfen. Strukturell halte ich GayRomeo für eine der besten Plattformen in Deutschland. Natürlich sehe ich auch die Mängel in Bezug auf Sexworker. Doch ich denke es ist einfacher mit Problemen umzugehen, wenn sie sichtbar sind.
Vielen Dank für das Gespräch.
Lieber Herr Rötten, Sie beraten Callboys bzw. Escorts. Mit welchen Fragestellungen kommen die Jungs zu Ihnen?
Der Großteil der Beratung konzentriert sich auf Fragen wie "Wo finde ich Kunden", "Wie realistisch ist meine Idee, Callboy zu werden" und "Wie kann ich Werbung für mich machen". Aber wir beraten auch in Problemsituationen. Die meisten Anfragen kommen von Neueinsteigern, die nach der Beratung sogar in einigen Fällen gar nicht mehr einsteigen wollen.
Kommen hauptsächlich schwule Jungs zu Ihnen?
Offiziell beraten wir homo- und heterosexuelle Callboys. Die meisten Beratungsgespräche beziehen sich aber auf Mann-Mann Sexdienstleistungen.
Wie sieht der typische Callboy aus?
Wir unterscheiden zwischen Callboys und Strichern. Stricher sind Jungs, die anschaffen gehen, Jungs, die aus benachteiligen Lebenssituationen kommen. Einige sind arbeitslos und schaffen in Bars an. Circa achtzig Prozent der Stricher sind Migranten und ein nicht geringer Anteil sind dabei Wanderarbeiter, die für zwei oder drei Monate nach Berlin kommen, anschaffen gehen und danach wieder weg gehen. Die Stricher sind, salopp gesagt, richtig arm dran: Teilweise mit geringem Bildungsniveau, ohne Perspektiven und einige auch obdachlos.
Und der Callboy?
Ein typischer Callboys ist ab Mitte Zwanzig, verfügt über eine eigenen Wohnung und Grundformen der Absicherung. Viele sind Studenten, Azubis, Arbeitslose oder Berufstätige. Für sie ist die Motivation ebenfalls das Geld, doch anders als bei den Strichern handelt es sich mehr um ein Zubrot. Nur wenige Callboys leben ausschließlich von den Sexdienstleistungen.
Gibt es neben dem Geld noch weitere Beweggründe?
Wir stellen immer wieder fest, dass der Hauptgrund wirklich das Geld ist. Darüber hinaus suchen einige, besonders reifere Callboys, in ihrer Arbeit Anerkennung und Selbstbestätigung.
Wie viele schwule Callboys sind in Deutschland aktiv?
Das kann nicht genau beziffert werden. Diese Ungenauigkeit hängt damit zusammen, dass es sehr viele nur nebenbei machen. Gerade seit dem Bestehen von GayRomeo und seit der Möglichkeit des Internets hat sich generell die Zahl der derjenigen, die nebenbei anschaffen gehen, stark vervielfacht. Heute kann man sich einfach im Netz ein Profil erstellen. Früher hingegen musste man als Callboy zum Beispiel erst zu einem schwulen Magazin gehen, dort eine Anzeige aufgeben und diese oft mit der Vorlage des Personalausweises legitimieren. Das schreckt ab, "nebenbei" Sexworker zu werden.
Wie viel verdient der durchschnittliche Callboy?
Das variiert sehr stark. Eine magische Grenze, die wir hier in Berlin immer wieder feststellen, sind 800 Euro im Monat. Es ist relativ einfach, 800 Euro im Monat zu verdienen, für denjenigen, der mehr verdienen will, wird es jedoch sehr anstrengend.
Ist Callboy ein normaler Job, wie jeder andere auch?
Das glaube ich nicht. Ich hoffe aber, dass Sexworker ein immer akzeptierterer Beruf werden wird. Doch ein Job wie jeder andere ist es ganz sicher nicht. Doch auch der Psychotherapeut ist kein Job wie jeder andere. Meiner Schätzung nach wird in den nächsten 20 Jahren in dem Bereich eine starke Normalisierung einsetzen.

Mit welchen Problemen wird ein Callboy konfrontiert?
Bei unseren Veranstaltungen taucht immer wieder die Frage auf: "Wie offen gehe ich mit meiner Tätigkeit um?". Dieses Problem des Doppellebens ist ein klassisches in der Branche. Meiner Meinung nach ist dieser Konflikt häufiger auf eine Art Selbstdiskriminierung zurück zu führen, als dass sie tatsächlich von außen diskriminiert werden.
Was gibt es noch für Fragen?
Ein weiteres Problem stellt die Partnersuche dar. Partnerschaften von Callboys verändern sich durch ihren Beruf. Dabei denke ich an zwei Aspekte: Zum einen, wenn der Sexworker schon einen Partner vorher hat, wird es nicht selten zum Konflikt, dass er innerhalb der Partnerschaft Sex mit anderen Männern hat. Zum anderen verändern sich Partnerschaften in sofern, dass auf einmal in der Beziehung alles wichtig wird, nur der Sex halt nicht mehr.
Vor einigen Wochen hat ein Pornostar in meinem Blog gestanden, dass er sich mit der Zeit selbst nicht mehr im Spiegel angucken mochte. Würden Sie sagen, dass Escorts ebenso psychische Probleme entwickeln können?
Ich glaube, dass die Arbeit im Sexbusiness Leute sehr stark verändert.
…im negativen Sinn?
Nein, wir beobachten beides. Einige entwickeln sich durchaus zu ihrem Besseren. In der Prostitution kommt es manchmal vor, dass Leute einsteigen, die sehr schüchtern und kontaktscheu sind. Solche Callboys entwickeln durch ihren Job ein höheres Selbstbewusstsein und werden oft selbstbestimmter.
Aber?
Als Sexworker kommt es nur ganz selten vor, dass ein Kunde dir sagt "ich war damit nicht zufrieden". Callboys erhalten meist nur positives Feedback. Und das wird zu einem langwierigen Problem, denn die Jungs fangen an, zur gnadenlosen Selbstüberschätzung zu neigen und sind kaum noch kritikfähig. Dieses "Ego" wirkt sich dann natürlich auch auf andere Lebensbereiche aus.
Wie steht es mit der Gesundheit?
Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig. Meiner Meinung nach ist die Gefahr im privaten Umfeld weitaus größer. Am Anfang der AIDS-Krise wurde vermutet, dass Frauen in der Prostitution die Ausbreitung der Krankheit fördern. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass dies in keiner Weiser der Fall war. Bei schwulen Männer verhält sich das nach meiner Einschätzung ganz ähnlich. Die Infektionsrate unter schwulen Sexworkern ist nicht größer als bei anderen Schwulen. Sex mit einem fremden Mann geschützt zu haben, ist nicht so schwer, wie in einer langjährigen Partnerschaft.
Angenommen, jemand tritt an Sie heran und sagt Ihnen, er spiele mit dem Gedanken Callboy zu werden. Würden Sie ihm davon abraten?
Zunächst würde ich mit ihm seine Motivation klären: Warum möchte er das gerne machen? Danach würde ich auf die Rahmenbedingungen eingehen und ihm daraufhin eine Einschätzung geben, wie seine Marktchancen stehen.
Welchen Stellenwert hat GayRomeo für Escorts?
GayRomeo ist eindeutig das wichtigste Internetportal für Callboys in Deutschland. Das hängt damit zusammen, dass es allgemein das größte schwule Portal ist. Wen man überhaupt nicht über GayRomeo erreicht sind die Männer, die noch nicht einmal ansatzweise eine gleichgeschlechtliche Identität haben: Zu dieser Gruppe gehört zum Beispiel der Verheiratete, der zum größten Teil mit seiner Frau schläft, aber für bestimmte sexuelle Dienstleistungen zu einem Mann geht. Allein das Wort "Gay" in "GayRomeo" würde ihn abschrecken. Diese Gruppe darf man durchaus nicht unterschätzen - auf die Gesamtzahl aller Callboys gesehen macht sie schätzungsweise die Hälfte aller Kunden aus.
Welche Vor- und Nachteile bietet Romeo denn?
Ein großer Vorteil ist, dass es erst einmal kostenfrei ist. Ich finde, dass GayRomeo technisch und von den Möglichkeiten her mit Abstand den besten Service bietet. Nachteile sehe ich darin, dass durch die Einfachheit des Portals Schwule unbedacht mit dem Thema umgehen und vorher nicht reflektieren, auf was sie sich einlassen.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, die Escort-Rubrik bei Romeo abzuschaffen, würden Sie diese nutzen?
Nein. Ich habe sogar GayRomeo am Anfang ein wenig geholfen, dieses Konzept zu entwickeln. So haben wir beispielsweise den Text "Tipps für Escorts und deren Kunden" entworfen. Strukturell halte ich GayRomeo für eine der besten Plattformen in Deutschland. Natürlich sehe ich auch die Mängel in Bezug auf Sexworker. Doch ich denke es ist einfacher mit Problemen umzugehen, wenn sie sichtbar sind.
Vielen Dank für das Gespräch.
GDmaster - 7. Dez, 02:54
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