UeberLeben
Der Sommer geht vorbei, es ist nun September. Die Sonne verabschiedet sich gerade mit letzter Kraft und überlässt uns dem bunten Blätterreigen. Es ist eine Zeit, Bilanz zu ziehen und, man muss das wohl sagen, es war nicht der beste Sommer meines Lebens. Kalt war es, nass, und nun liegen die Hoffnungen auf dem nächsten Jahr. Es soll ja eh wärmer werden, das Klima, und wenn ich wieder an meinen Sommer denke, dann sollte es wirklich wärmer werden. Die letzten Monate waren unheimlich wechselhaft, vielleicht liegt es auch an mir. Ich habe wohl meinen Teller nicht leergegessen. Aber darum geht es nicht.
Die Zeit rast nun zu auf Weihnachten, das Jahr zieht schon wieder mit den letzten Zügen an uns vorbei. Im Laden liegen bereits die gefüllten Lebkuchenherzen, am Stand wird Baumkuchen, gehüllt in Zartbitter-Schokolade verkauft und mein Nachbar bringt bereits seine Lichterketten am Haus an. Angeschaltet werden sie erst in zwei Monaten, sagt er, und wie jedes Jahr werden es immer weniger Lampen, weil der Strom so teuer geworden ist, aber sie sind schon einmal am Haus und darum geht es. Denn man kommt sonst ja nicht mehr dazu. Und die Zeit, die rast, die rast so schnell. 2008, 2009, was ist schon ein Tag?
Die Zeichen stehen auf Abschied. Meine beste Freundin fliegt morgen nach Japan, dann ist auch sie weg, mit dem Sommer, fast auf der anderen Seite der Erde. 8 Stunden später ist es dort, in Tokio, und wenn wir telefonieren wollen, dann geht das nur morgens oder spät in der Nacht. Ich habe ihr gesagt, dass ich Angst habe - niemand auf dieser Welt, ausser meiner Familie, kennt mich besser als sie. Und sie ist eigentlich die letzte heterosexuelle Freundin in meinem Umfeld. Nach meinem Outing ist der schwule Freundeskreis explodiert, aber ein Zusammenführen beider Kreise hat bis heute nicht geklappt.
Auch ein anderer lieber Freund hat mir heute gesagt, dass er nach Freiburg zieht. Wir wollen uns sehen vorher, er geht erst im Oktober und bis dahin ist noch ein bisschen Zeit. Ich habe ihm gesagt, dass man die Dinge gleich angehen sollte und sie nicht auf die lange Bank schieben darf. Denn dann macht man es nie. Seit drei Semestern schleppe ich eine Hausarbeit mit mir herum, die ich schon längst geschrieben haben sollte. Aber man verschiebt es immer wieder und dann, irgendwann, schmeißt man hin. Wir haben uns jetzt einen Tag ausgeschaut. Dann werden wir "Es war einmal der Mensch" gucken: Tausend Jahre sind ein Tag.
Man sollte seinen Teller leer essen. Meine Oma sagte das immer und früher habe ich daran geglaubt. Gesund war das sicher nicht und ich wurde dick. Denn um 20:15 Uhr fing immer der Abendfilm an und weil vor dem Fernseher nicht gegessen wurde, habe ich schnelles Essen gelernt. Heute noch bin ich der Erste am Tisch, der fertig ist mit seiner Portion, mag sie auch noch so groß sein. Und meine Oma sagt immer noch, dass ich meinen Teller leer essen soll, damit ich groß und stark werde. Über solche Dinge geht die Zeit nicht. Aber dick bin ich nicht mehr. Immerhin.
Dies ist meine letzte Kolumne für diesen Blog. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Stefan mir den Platz und den Raum gegeben hat für diese kleine Rubrik. Es wird noch ein Interview von mir auf der Seite am Montag erscheinen, aber dann werde ich mich wieder anderen Feldern zuwenden. Vielen Dank auch an Euch für die vielen schönen und auch nicht so schönen Worte. Mein Teller ist jetzt leer und deswegen wird die Sonne morgen auch scheinen.
baumarktpflanze - 6. Sep, 00:01
Ich habe mit Stefan gestritten, es war diesmal schlimmer als sonst. Es ging um Bio - Dinkel - Grünkernvollkornbrot, das bestrichen war mit Bio - Apfel - Zwiebel - Brotaufstrich aus Sonnenblumenkernen. Seit ich bei meinen Eltern Urlaub mache, lebe ich gesund. Der Kühlschrank ist grün, die Geschmacksrichtungen bizarr, aber es schmeckt, es schmeckt wirklich. Und Stefan verstand das nicht. Er sollte probieren und er wollte nicht. Und es ging weiter: Stefan mag Joghurt zum Frühstück, aber den gibt es nicht bei meinen Eltern, weil das Aroma im Joghurt künstlich ist. Sägespäne für Erdbeeren und Schimmelpilze für Bananen verträgt sich nicht mit der Vollwertkost zu Hause.
Stefan nahm schließlich eine Weintraube, die war auch Bio, aber sie sah aus wie eine normale Supermarkttraube und es klebte kein Biosiegel drauf. Dann wollte Stefan Wurst, aber die gibt es bei meinen Eltern nicht. Wir haben meine Großmutter gefragt und sie brachte ihm einen Teller mit Putenbrust und Salami. Die Scheiben hat er sich dann auf Bio - Mehrkornbrötchen gelegt. Das ging für ihn, war aber hart an der Grenze. Man kann sagen, dass Stefan sich der gesunden Kost verwehrt hat. Man kann aber vor allem sagen, dass das Frühstück völlig danebenging, denn seitdem gelte ich bei Stefan als Öko.
Sicher, gerade stehen Bio - Haferkekse neben und eine Flasche Bionade vor mir. Und zugegeben: Nach der Limonade bin ich süchtig, viele haben sich schon beschwert, dass ich nichts anderes zu trinken daheim habe. Aber dennoch: Ich bin wirklich kein Öko. Ich lebe auch nur zwei Mal im Jahr so gesund, immer in den Semesterferien. Doch es fasziniert mich trotzdem unheimlich, wie viel Bio dieses Land inzwischen ist. Neulich war ich zum Beispiel in Mannheim, da reiht sich ein Biosupermarkt an den nächsten. Diese Märkte sind meist sehr hell und freundlich eingerichtet, die Preise etwas höher als im Discounter und vor allem sind die Märkte meist leer. Und dennoch können sie überleben.
In Mannheim gibt es auch ein vegetarisches Biorestaurant. Man nimmt sich ein Tablett, geht an die Vitrinen und legt sich das auf den Teller, was man essen möchte. Es gibt warme und kalte Speisen, die Salatvariationen sind bunt und grell, das warme Essen klebrig und der Kuchen sieht sehr individuell aus. Der Laden hat über 250 Sitzplätze, sie sind belegt, jedesmal wenn ich dort bin. Alle. Im Grunde ist das Restaurant eine bessere Kantine und bezahlt wird nach den genommenen Gramm vom Buffet. Nur die Bionade wird in den normalen Flaschen verkauft und auch berechnet. Manchmal steht ein Bademantel neben einem, manchmal ein Anzug. Aber bei allen Vorurteilen: Es schmeckt. Und es schmeckt wirklich.
Stefan würde wahrscheinlich dennoch hungrig aus dem Laden herausgehen. Nicht, dass er keinen Salat mag, aber die Sprite und die deftige Pilzpfanne sind ihm dann doch lieber und trotzdem ist er durchtrainiert. Wir haben uns also am Frühstückstisch gestritten, ich habe versucht ihn ein bisschen für die extravaganten Sachen zu begeistern. Aber er wollte davon nicht viel wissen. Wir waren dann essen in Berlin und Stefan hat seine Pilzpfanne bekommen. Sie roch intensiv, die Soße war wunderbar fettig und ich habe seine Tomaten vom Teller genascht.
Und Stefans Laune besserte sich, es wurde noch ein schöner Abend mit ihm. Einem Bademantel hätte sich der Magen umgedreht und wahrscheinlich ist Stefan froh, wieder bei sich zu Hause zu sein und seine Spezi aus dem Kühlschrank zu holen. Er war ja nur ein paar Tage zu Besuch und ich hoffe, dass er dennoch mal wiederkommt. Vielleicht möchte er dann ja den Apfel-Zwiebel Brotaufstrich probieren. Die Bionade steht auf jeden Fall schon im Kühlschrank.
Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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baumarktpflanze - 30. Aug, 00:01
Mein erstes Mal fand in einer Berliner Neubauwohnung statt. Ich war noch nicht einmal 18, Schüler, und er war weit über 20 und Theaterschauspieler. Wir hatten uns über den Teletext verabredet, denn ich kannte GayRomeo oder dbna noch gar nicht. Aber der Fernseher lächelte mich an, für 29 cent konnte man da mit anderen Schwulen in Kontakt kommen und so fing ich an zu simsen und lernte per Telefon Menschen kenne, die so waren wie ich. Zwar steigerte das nur bedingt mein Selbstbewusstsein und meinen offenen Umgang mit der Materie, aber ich war nicht alleine. Und eines Tages schrieb mich dann ein User an, der mich gerne auch persönlich kennenlernen wollte.
Da saß ich bei ihm mit einem Glas Wasser in der zitternden Hand auf seinem Bett und redete mich um Kopf und Kragen, während er mir immer näher rückte. Wir hatten uns unverbindlich einfach mal getroffen und er sah ja auch gar nicht schlecht aus, mit seiner Glatze und mit seinem schlanken Körperbau. Seine Wohnung war sauber, sein Telefon dauerbesetzt. Ich erzählte also von mir und meinem Leben und irgendwann fragte er: "Und nun?" Er rückte noch näher, ich zitterte noch mehr. Damals wusste ich nicht, was ich machen sollte und wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Denn naiv war ich noch und ohne jegliche Erfahrung, doch das wusste er nicht. Aber vielleicht ahnte er es.
Und dann fasste er mir auf die Schulter und zog mich an sich. Ich redete weiter, immer mehr und immer weiter, bis mir nichts mehr einfiel. Er sagte nichts und fing an mich zu streicheln. Seine lederne Haut stieß mich ab und dennoch machte es mich irgendwie an, seine Zunge eroberte mich und seine Hose drückte sich an meine. Irgendwann sagte ich nichts mehr. Er mahnte mich zur Langsamkeit, während ich sabberte und ihn aushielt. Es war unangenehm und es war ungewohnt, es tat weh und ich wollte, dass es endlich vorbei ging. Aber es ging nicht vorbei, er verlagerte mich mit ein paar Griffen und er machte weiter, immer schneller und immer schmerzhafter und ich sagte nichts. Ich konnte auch nichts sagen.
Und dann war es doch vorbei, plötzlich, er sagte nichts und ich sagte nichts und er machte alles sauber und dann brachte er mich zur Bushaltestelle und dann sahen wir uns nie wieder und ich dachte mir nur, dass das also das sein soll, von dem alle reden. War es das wirklich? Dieses schmerzhafte, unangenehme Aushalten, dieses Warten auf den Schluß? Und dieses krampfhafte Weiterreden, um nicht anfangen zu müssen, um nicht zu weit zu gehen? Kann man das als schön ansehen? Will man das wieder? Fragte ich mich und fuhr zur Schule.
Inzwischen habe ich mehr Erfahrung, auch weil ich einfach mal nach meiner Sexualität gegoogelt habe. Zwei Beziehungen sind herübergegangen und deswegen weiss ich inzwischen, dass das nicht das war, von dem alle immer reden. Dieser Sex sieht anders aus. Vielleicht haben wir uns deswegen nicht wiedergesehen, auch nicht geschrieben. Auch mein Umgang mit dem Thema hat sich radikal geändert. Nicht, dass ich mit jedem darüber reden würde, aber inzwischen braucht man mich nur in diversen Suchmaschinen einzugeben und schon weiß man Bescheid über meine Homosexualität. Meine Mitarbeit beim schwulen Jugendmagazin dbna und hier bei Gay Dating Tricks und auch beim schwul-lesbischen Radiosender Pride1 stehen nun sogar auf meinem Lebenslauf.
Doch leider bin ich damit ziemlich alleine. Es ist nicht selbstverständlich, dass man so offen dazu steht, zu groß ist die Angst, später einmal Konsequenzen dafür zu spüren. Ich kann das verstehen, ich habe diese Angst auch. Und in diesen Augenblicken würde ich gerne meinen Theaterschauspieler wiedersehen, dann würde ich ihn fragen, sein Beruf, sein Leben. Schauen, ob seine Haut weiter so ledrig ist. Damals habe ich ja nur erzählt. Und gehofft. Wie heute. Aber ich habe seine Nummer nicht mehr und beim Teletext mache ich auch nicht mehr mit.
Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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baumarktpflanze - 23. Aug, 00:01
Eine gute Freundin von mir wird gestalkt. Sie möchte nicht, dass ich ihren Namen nenne und sie möchte auch nicht, dass ich sage, woher sie kommt. Sie hat Angst. Angefangen hatte alles vor fünf Jahren Jahren. Da saß dieser Mann vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig, er schaute durch ihr Fenster. Sie machte sich noch keine Gedanken. Am nächsten Tag saß er wieder da. Jetzt kam es ihr langsam komisch vor. Und am nächsten Tag wieder. Und wieder. Und wieder. Sie unterhielt sich mit ihren Bekannten und sie informierte sich bei verschiedenen Stellen, was man tun könnte. Bloß nicht mit dem Mann sprechen, den Mann ignorieren. Die Polizei rufen.
Das hat sie getan, nur leider konnten die grünen Jungs auch nicht viel tun. Denn der Mann machte ja nichts, er saß nur da, auf dem öffentlichen Bürgersteig und das darf er, solange er möchte. Sie bekam Angst um ihre Kinder, sie bekam Angst, dass er irgendwann nicht einfach nur dasitzen könnte. Sie fing an, die Jalousien herunterzuziehen und am Tage Licht anzuschalten. Die Kinder dürften nur noch unter harten Auflagen raus. Bald fuhr der Mann ihr auch hinterher, folgte beim Einkaufen, beim Schwimmen, im Kino. Setzt sich neben sie.
Dann hatte sie die Nase voll, sie legte ihr gesamtes Ersparnis zusammen und zog um, fünfhundert Kilometer weiter weg, sie suchte eine neue Schule für die Kinder und ihr Mann eine neue Arbeit. Die Jalousien waren nun wieder oben, die Kinder konnten alleine ins Schwimmbad gehen. Und seitdem weiß sie: Stalking ist eine unheimlich perfide Möglichkeit, jemanden in den Wahnsinn zu treiben. Sicher ist meine Freundin ein extremer Fall, zugegeben. Vor allem gibt es grundsätzlich schon Möglichkeiten, leider jedoch trauen sich die meisten aus Angst nicht, sie zu ergreifen. Denn man kann Kontaktsperren erreichen, man kann einstweilige Verfügungen erlassen und Haftandrohungen herausschlagen.
Und weil es solche Möglichkeiten gibt, gab es im Jahr 2007 über elftausend registrierte Fälle. Vielleicht zeugen die bestehenden Hilfsangebote aber auch ein bisschen von der Hilflosigkeit in solchen Situationen. Schließlich ist sehr einfach, sich diesen Maßnahmen zu entziehen: Man macht einfach weiter. Lässt sich jemand wirklich dadurch von seinem Tun abhalten? Meine Freundin jedenfalls sagt, dass sie den Mann vor ihrem Haus nicht kennt. Sie hat ihn nie vorher gesehen. Dieser Fall ist selten, denn meist sind die Täter zurückgewiesene Partner, aber auch Klienten und Patienten, die sich für erlittenes Unrecht rächen wollen. Im Falle meiner Freundin handelt es sich um den Fall der Übertragung - anders gesagt: Sie büßt stellvertretend. Immerhin aber wird sie von den Behörden und der Polizei ernst genommen, immerhin, denn auch das ist ein großes Problem der Betroffenen. Und so gibt es erst seit 2007 den juristischen Tatbestand des Nachstellens. Die Höchststrafe dafür sind drei Jahre Freiheitsentzug.
Meine Freundin hatte drei Monate Ruhe, dann saß der Mann wieder da, dann war der Rolladen wieder unten. Und er sitzt da heute noch. Inzwischen belästigt er sie seit fünf Jahren, aber sie kann nichts tun, denn der Mann macht ja eigentlich nichts. Er spricht sie nicht an, er rührt sie nicht an, er ist einfach nur da. Manchmal wünscht sie sich, dass er wenigstens anrufen könnte und dann wieder auflegen, denn dann könnte sie ihm etwas nachweisen. So muss sie ihn auf dem Bürgersteig sitzen lassen.
Inzwischen hat ihr Mann ihn bereits mehrfach am Schlawittchen gepackt und ihm gedroht und den Stalker geschlagen. Doch der hat ihren Mann dann rotzfrech angezeigt. Jetzt versuchen sie ihn vollständig zu ignorieren, aber auch das ist unmöglich. Es ist zum Haareraufen und deswegen überlegen sie manchmal, mit dem Auto ganz aus Versehen auszuschlagen, aber den Gedanken verwerfen sie ganz schnell wieder. Lieber bleiben die Jalousien unten und die Kinder im Haus. Und nochmal umziehen? Vielleicht. Denn der Stalker schaut jetzt mit einem Fernglas auf ihre Fenster.
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baumarktpflanze - 16. Aug, 00:01
Mein erster Quickie in der U-Bahn fand im letzten Jahr statt. Ich war mit Stefan, meinem Bloggerkollegen, unterwegs in Berlin, wir wollten uns abends mit zwei Schulfreunden von mir treffen und bowlen gehen. Also saßen wir im Zug und unterhielten uns. Irgendwann schaute ich auf, wunderte mich, dass niemand mehr im Wagen saß. Die Türen schlossen sich und der Zug fuhr aus dem Bahnhof auf das Abstellgleis.
Wir sprangen auf. Leichte Panik machte sich breit. Die Türen ließen sich nicht öffnen und wir konnten meine Freunde nicht erreichen, um ihnen zu sagen, was uns passiert ist und das es wohl später wird. Der Zug hielt, die Motoren gingen aus. Wir hofften, dass wenigstens das Licht anbleibt und setzten uns wieder hin. Dann ging ein junger Mann mit einer leuchtenden Weste am Waggon vorbei, Stefan ging zum Fenster, klopfte dagegen und winkte. Der Mann schaute uns an, winkte dann freundlich zurück und ging weiter. Wir fühlten uns ein bisschen wie im Zoo.
Ich weiß noch, wie ungewohnt und auch unangenehm es war, das erste Mal in der Öffentlichkeit von einem schwulen Freund geküsst worden zu sein. Sofort musste ich mich versichern, dass niemand etwas mitbekommen hat. Ich wollte nicht mit meiner eigenen Sexualität konfrontiert werden, es war sehr viel Unsicherheit, auch ein bisschen Angst dabei. Das war vor einigen Jahren, ich war noch nicht geoutet, aber in der schwulen Welt schon aktiv. Und während ich daran dachte, legte mir Stefan seine Hand auf meinen Oberschenkel. Heute ist das anders, ich bin geoutet und es ist zwar immer noch nicht normal und immer noch schwingt diese diffuse Unsicherheit mit, wenn ich auf der Straße einen anderen Mann küsse. Aber wahrscheinlich wird das nie verschwinden.
Ich weiß nicht, wie begründet meine Unsicherheit eigentlich ist. Vor Kurzem ist ein guter Freund mit mir Händchen haltend durch die Einkaufspassage gegangen. Das hatte noch niemand vorher mit mir getan. Und es war ein richtig gutes Gefühl, auch wenn sich der ein oder andere nach uns umdrehte. Wir haben uns dann in den Volkspark gelegt und gekuschelt. Neben uns knutschte ein heterosexuelles Pärchen und vor uns saß ein Rentnerehepaar und beäugte uns kritisch. Wir hörten auf, uns zu küssen. Es ist wohl immer noch ein bisschen wie im Zoo.
Damals in der U-Bahn war es auch eine öffentliche Situation. Stefan hätte sich wahrscheinlich nie getraut, mir die Hand auf den Oberschenkel zu legen, wenn noch jemand im Wagen gewesen wäre oder sogar neben uns gesessen hätte. Männer machen das einfach nicht, sie umarmen sich nur zur Begrüssung und geben sich ein Bussi links und rechts. Alles andere würde in vielleicht ungünstige Richtungen interpretiert werden. Und dass Geschlechterrollen auch heute noch eine große Rolle spielen, zeigen auch unsere Interviews, die in den letzten Wochen hier erschienen sind.
Doch zurück zur U-Bahn. Der winkende Mann mit der Weste ging weiter. Die Türen blieben verschlossen und Stefan setzte sich wieder hin. Ruhig bleiben, es wird schon nichts passieren. Und plötzlich gingen die Motoren wieder an. Stefan zog sich seine Hose zurecht, dann fuhr die Bahn langsam wieder Richtung Bahnhof. Die Türen öffneten sich, die wartenden Fahrgäste schauten uns verwundert an. Sie zeigten auf uns, wir wurden rot. Ein bisschen wie im Zoo. Dann entschwanden wir in der Dunkelheit zum Bowlingcenter.
Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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baumarktpflanze - 9. Aug, 00:01
Die Welt riecht nach Schweiß dieser Tage. Es ist warm und unheimlich schwül und nachdem die Feuchte das Wasser aus dem Körper gezogen hat, bringt sie abends in einem erleichternden Schauer die Welt wieder ins Gleichgewicht. Manchmal laufen dann Keller voll, in Dortmund beispielsweise, oder werden Bahnhöfe überschwemmt, wie in Oberboihingen bei Stuttgart.
Der Sommer ist da, er schreibt seine eigenen Geschichten. Zum Beispiel die hier: In Hamburg haben sich angeblich Heteroehepaare beschwert, dass zum dortigen CSD die Regenbogenfahne auf dem Rathaus gehisst werden soll. Es ist ja auch nicht schön, diese grellen Farben über dem glücklichen Paar, aber es gibt günstige Bildbearbeitungsprogramme. Aber die Meldung ist wohl eine Ente eines Blattes der seichten Unterhaltung. Man muss dieser Meldung wohl dankbar sein, dass auch sie das Wort Jahrhundertsommer wieder aus den Medien verdrängt hat. Der "Jahrhundertsommer" ist ein Medienphänomen.
Gerade die seichten Blätter spielen gerne schon im Frühjahr mit den Hoffnungen der Menschen auf einen weitestgehend bekleidungfreien Sommer. Dass damals, im August 2003, bei langer und ausdauernder Hitze mit fast 50 Grad in Marokko und über 40 Grad in Deutschland mehr als 70.000 Menschen ihr Leben ließen, wird dabei gerne vergessen. Ich erinnere mich noch daran, dass es damals in Deutschland über Wochen nicht geregnet hat. DIe Wasserkosten in unserem Garten stiegen astronomisch, die Menschen ächzten und sehnten den Regen herbei und als er dann kam, wollten sie die Sonne wieder.
So ein Sommer sei statistisch gar nicht möglich, heißt es heute, aber Statistiken sind nunmal kein Allheilmittel. DIeses Jahr hat es in Teilen Brandenburgs auch teilweise drei Wochen nicht mehr geregnet und wenn man den Modellen der Klimaforschung Glauben schenken darf, dann ist Brandenburg bald eine Steppenlandschaft. Doch daran glaubt nicht jeder. Thilo Sarrazin beispielsweise, Finanzenator im eingeschlossenen Berlin, gibt immer noch freundlich Empfehlungen für kalte Tage heraus: Im einem Zeitungsinterview sagte er, dass man in Zeiten gestiegener Heizkosten ruhig auch mal einen Pulli tragen könnte, statt die Heizung anzustellen, wenn es in der Wohnung kalt wird.
Bald brauchen wir keine Pullis mehr und man muss sich das immer wieder vor Augen halten, jetzt, wo der Klimawandel zum Modethema wird. Und so begründet die Politik inzwischen jede Änderung mit dem Problem des Terrors oder dem Problem des Klimas. Es ist faszinierend, wie ein Phänomen, was jahrzehntelang abgestritten wurde, plötzlich instrumentalisiert wird für eine moderne und zukunftsgewandte Regierungsarbeit inmitten der Lobbys. Und die Wirtschaft? Die Stromkonzerne werben mit einem ökologischen Gewissen, dass sie auf der anderen Seite ausbeuten. Wie viel investiert e.on beispielsweise wirklich in alternative Energien?
Die Autoindustrie baut derweil auf Elektroautos. Künftig rasen wir mit Batterien über die Autobahn, das ist günstiger als Sprit, und endlich können die Träume explodierender Autos aus den Actionfilmen wahr werden, wenn die Batterie zu heiss läuft in der Sommerhitze. Vielleicht wären deswegen Hoffnungen auf Jahrhundertwinter angebrachter, denn solche Sommer werden wir wohl künftig öfter haben. Ich freue mich auf Zeitungen, die Menschen in dicken Wollpullis zeigen. Und Menschen, die hoffen, dass es endlich mal wieder richtig kalt wird. Mit Schnee und so.
Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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baumarktpflanze - 2. Aug, 00:01
Hommage an Berlin, Französische Straße
Hast Du ein Idol? In den letzten Wochen habe ich viele Menschen gefragt, wen sie ein Stück weit verehren, an wen sie sich vielleicht auch orientieren, wer ihnen imponiert. Die Spannbreite der Antworten war auch entsprechend groß: Ich habe Idole gehört wie den Sänger (?) Daniel Küblböck, der Wendler unter den Popbarden, oder die Buchautorin Sybille Berg für ihren Schreibstil, Senta Berger war dabei für ihre Aufrichtigkeit, Iris Berben für ihr Aussehen. Erwartbare Namen also. Und dass Politiker gefehlt haben, hat mich auch nicht überrascht.
Ich habe zwei Idole, einer davon wurde mir ebenfalls genannt: Harald Schmidt. Der Mann ist großartig, ich mag seinen Humor, ich mag seine Art und ich mag seine Fähigkeit, Menschen zu begeistern, auch wenn er nur eine halbe Stunde lang am Wasserglas nippt. Schmidt hat lange Zeit die Fernsehlandschaft geprägt durch eine Ablehnung geltender Konventionen, jetzt bandelt er mit dem Pocher an das Publikum, dass er so einst verscheucht hat, wieder an.
Mein zweites Idol ist Evelyn Roll für ihren Schreibstil und für ihre Kolumne, die immer samstags in der Wochenendbeilage der Süddeutsche Zeitung erscheint. Roll schreibt darin Geschichten aus Berlin auf, Anekdoten aus ihrem Alltag, meinungsstarke Szenen aus dem dekadenten Berlin. Wenn ich die Zeitung aus dem Briefkasten hole, ist das die erste Spalte, die ich lese und dann das Streiflicht.
Idole sind wichtig. Sie bieten Orientierung, sie schaffen unbewusst eine Motivationsraum und ich diene interessanterweise auch für manche Leute als Idol. Weil ich mich vermarkten kann, weil ich es geschafft habe, auf eine Journalistenschule zu kommen. Man kann das arrogant finden und viele sagen das auch zu mir. Ich bin konservativ, ich bin arrogant, zickig und ich bin naiv. Man weiss aus Studien: An diesem Punkt in Kolumnen steigen die meisten Leser aus - Selbstbeweihräucherung oder Selbstmitleid sind fehl am Platz in persönlichen Texten.
Und Frau Roll macht genau das: Sie schreibt darüber. "Französische Straße" heisst ihre Rubrik. Und Harald Schmidt richtet darüber, seine Gesellschaftskritik zielt nicht auf einzelne Personen ab, es werden Schichten kritisiert, gegen die man sich abgrenzen kann und dabei nicht merkt, dass man auch selbst dazugehört. Das ist große Kunst, deswegen sind die beiden meine Idole.
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baumarktpflanze - 26. Jul, 00:01
Verhütung ist Frauensache, denken sie und glauben gar nicht, wie schnell es gehen kann. Meine beste Freundin hat es mir erst diese Woche wieder gesagt. Dass die Präventionskampagnen relativ unbeachtet bleiben, dass Obst nicht gegen Geschlechtskrankheiten hilft und die Kondomophilie abnimmt, dass es auf der anderen Seite ein Vabanquespiel ist, all dass weiß man ja nicht erst seit gestern.
Und dennoch: Die Pharmaindustrie erweckt in ihren Anzeigen, dass man mit AIDS oder HIV prima leben könnte, schließlich gibt es ja Medikamente. Und es stimmt ja auch, dass man heute mit dem Virus im Körper ein angenehmes Leben führen kann und die Lebenserwartung inzwischen fast den Gesunden entspricht. AIDS und HIV wird dadurch zu einer Art der chronischen Erkrankung. Scheinbar sinkt die Angst davor, aber dass die Medikamente schwerwiegende Nebenwirkungen haben, ist fast niemanden bewusst.
Zum Beispiel bei Roland. Ich habe ihn für ein schwules Jugendmagazin interviewt, ich schrieb das bereits, und er erzählte mir von der Pein mit den Tabletten. Dass er manchmal stundenlang auf der Toilette sitzt, weil er wasserartige Durchfälle hat. Oder eiterartige Pickel im gesamten Gesicht, die erst nach fünf Monaten heilen. Erzählt, wie die Leute getratscht haben in der U-Bahn und auf der Straße. Merkt, dass er kaum noch Kraft hat. Dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ist es das wert?
Was Roland mir erzählte, passte nicht in die heile Welt der Anzeigen. Ich habe mehrere Tage mit ihm gesprochen, ich habe danach heulend auf den Treppenstufen seiner Wohnung gesessen. Da sitzt ein todkranker Mensch vor einem und berichtet lakonisch und mit einem Lächeln von seinen Qualen. Das habe ich nicht verstanden, aber vielleicht versteht man das erst, wenn man in so einer Situation ist. Ein paar Wochen danach, das Interview war noch nicht veröffentlicht, rief mich Roland wieder an. Er hatte neue Medikamente bekommen.
Und sie schlugen an, ja. Innerhalb weniger Wochen senkte sich die Virenlast im Blut unter die Nachweisgrenze. Wir haben uns dann entschieden, ein zweites Interview zu führen. Roland hatte das Glück der richtigen Therapie. Diese Geschichte ist nun zwei Jahre her, er lebt immer noch, gottseidank. Läuft auf Modenschauen mit und blüht wieder auf. Und dennoch findet auch er es erschreckend, wie leichtsinnig mit der Thematik umgegangen wird.
Wir haben lange darüber geredet und dann eine These aufgestellt, sie ist politisch nicht ganz korrekt, aber wir glauben, dass die hohe Rate der HIV-Diagnosen unter Schwulen darauf zurückzuführen ist, dass sich Schwule vil regelmäßiger testen lassen als Heterosexuelle. Ich habe einmal in einem Seminar fragen lassen, wer von den neunzig Studenten sich schon einmal hat testen lassen. Niemand meldete sich. Aber Verhütung zum Beispiel ist ja auch Frauensache. Meine beste Freundin kann da Bände sprechen.
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baumarktpflanze - 19. Jul, 00:01
Mein PC ist kaputt, ich muss diesen Text in den Computerräumen der Uni schreiben. Die Festplatte ist nun schon zum dritten Mal in zwei Jahren durchgebrochen, aber immerhin gab es damals zwei Jahre Garantie und nun wird er bei mir persönlich abgeholt, in einem kleinen Ort in Ostdeutschland repariert und schließlich nach einer Woche wiedergebracht, ohne dass ich etwas zahlen muss. Meine beste Freundin hat mich gefragt, wie ich das immer anstellen würde, weil ihr PC ist in den vielen Jahren noch kaputt gewesen, langsam ist er geworden, wenigstens, ja.
Es ist schon interessant, plötzlich ohne PC und damit weitgehend ohne Internet zu leben. Man macht zu Hause jetzt wieder andere Dinge, ich lese jetzt abends wieder ein Buch oder schalte den Fernseher ein. Ich lebe altmodisch. Und merke, wie selbstverständlich der Umgang mit den modernen Medien doch geworden ist. Nun kann ich nicht mehr schnell im Internet nach einer Information suchen, ich muss aus dem Sessel aufstehen und zum Regal laufen, um das Lexikon aufzuschlagen. Wann habe ich das letzte Mal in einem Lexikon geblättert, wenn doch der Brockhaus und die Wikipedia online zugänglich sind? Ich weiß es gar nicht mehr.
Es ist spät geworden, um mich herum wird es langsam leerer, die Sonne senkt sich und die Studenten gehen in den Abend. Ich würde jetzt wahrscheinlich zu Hause auf schwulen Plattformen wie GayRomeo oder dbna Messages austauschen, wenn ich nicht anderweitig verabredet wäre. Aber das ist an den PC's der Universität nicht erlaubt: Wer pornographische Seiten aufsucht, dessen Zugang wird gesperrt. Auch Communitys wie StudiVZ sind verboten. Ich weiß nicht, ob das jemand kontrolliert, aber ich möchte das Risiko momentan nicht eingehen. Schließlich ist die Uni momentan mein einziger Zugang zu den weiten Welten des Internets und der grenzenlosen, kostenlosen Information.
Ich kann morgens und abends nicht mehr meine Mails checken, ich kann nicht mehr schnell bei Spiegel Online schauen, was der Tag bisher gebracht hat und ich bekomme die neuesten News aus der Blogkultur nicht mehr mit. Ich telefoniere jetzt öfter mit Stefan, es ist irgendwie schön, mal wieder seine Stimme zu hören und nicht nur seine Notizen zu lesen. Doch es ist ja freilich nicht nur das Internet. Auf meinem PC lagern meine Musik, meine Dokumente und immerhin habe ich wenigstens einen Teil noch sichern können. Dennoch muss ich nun wieder Zettel schreiben und das Radio anstellen.
Aber ich jammere gerade zu sehr und muss daran denken, wie nervös ich wurde, als ich das letzte Mal mein Handy in der Uni liegenlassen habe und ich weiß eigentlich gar nicht, warum. Auf der einen Seite ist es der materielle Wert, auf der anderen Seite ist man aber nicht mehr ständig erreichbar. Wenigstens ist das Handy noch da. Und doch verlassen mich alle: Mein japanischer PC ist nun auf dem Weg nach Ostdeutschland und meine beste Freundin geht aus Ostdeutschland für ein Auslandssemester nach Japan. Wir werden ein Jahr lang nur telefonieren können und momentan liegt eine leichte Endzeitstimmung in der Luft.
Wird unsere Freundschaft überleben? Die Unwissenheit macht einen nervös und bei ihr hängt auch noch eine feste Partnerschaft dran. Wir sind aber immer noch guter Dinge und vielleicht ist es ja ein bisschen so wie bei meinem PC: Sie wird vom Flugzeug abgeholt, dann bringt der Abstand völlig neue Perspektiven in unsere Beziehung und schließlich wird sie wieder hergebracht. Aber ich fange an zu spinnen. Ein letzter Mitstudent verlässt den Computerraum, draussen ziehen kleine Nebelschwaden an den Laternen vorbei. In sieben Tagen ist der PC wieder da.
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baumarktpflanze - 12. Jul, 00:01
Ich muss mit Second Life anfangen: Da gibt es einen Briten, er hat sich in einen anderen Avatar verliebt. Sie ist vollbusig, sie ist blond und sie schreibt intelligente Sachen. Er hat dann mit ihr gechattet, sie haben telefoniert und schließlich haben sie sich auch in der Realität getroffen, gefühlstrunken, optimistisch. Doch es hat nicht so geklappt, wie es sollte, sie war zwanzig Jahre älter als er, sie haben einen Kaffee getrunken, sie haben sich ein bisschen unterhalten und sind dann wieder getrennte Wege gegangen, aber bei Second Life sind sie trotzdem weiter zusammen.
Man kann das durchaus albern finden, aber es zeigt ein grundsätzliches Problem: Medien verändern uns und die modernen Medien sogar unsere Empfindungen. Nun ist dieser Gedanke nicht neu - und ich bin wieder das konservative Moralapostel -, aber manche Begriffe, die früher mit gewissen Werten verbunden worden sind, scheinen sich aufzulösen in einer schwammigen Welt der Hyperrealität. Vielleicht ist das Beispiel der beiden Liebenden uns befremdlich, aber in deren möglicher Vorstufe, der Freundschaft, ist es real.
Ich glaube, Christoph sagte einmal, dass er traurig darüber sei, wenn er bei GayRomeo wenige Messages oder nur selten Einträge auf die Pinnwand bei StudiVZ bekommt. Er misst seinen Beliebtheitsgrad an der Zahl dieser Nachrichten und zugegebenermaßen erwische ich mich ja auch dabei, dass ich neidisch nachschaue, wie viele Einträge Freunde auf der Pinnwand haben. Sind alle Verlinkungen auf diesen Plattformen wirklich Freunde? Gerade im Internet wird der Begriff "Freundschaft" inzwischen inflationär gebraucht und durch diesen inflationären Gebrauch verwischt die Definition des eigentlich wichtigen gesellschaftlichen Gutes "Freundschaft". Man kann das bedenklich finden, aber vielleicht ist das Beispiel mit Christoph nicht stark genug.
Und so habe ich vor einiger Zeit mit einem guten realen Freund darüber diskutiert, wie er solche Bekanntschaften im Internet bewertet. Wir haben durchaus Schnittstellen gefunden: Es ist wohl so, dass die Schwelle, bestimmte Dinge zu erzählen oder aber sich selbst Fehler einzugestehen, im Netz viel niedriger ist. Menschen öffnen sich hier schneller, man wird persönlicher, es entsteht rascher ein diffuses Vertrauensgebilde und oft vergisst man im Kennenlernrausch, dass man mit den erhaltenen Informationen kritisch umgehen sollte. Und so stellt sich eine Frage dringlicher denn je: Kann man einen Menschen, den man im Netz seit ein paar Monaten kennt und mit dem man sein Leben teilt, auch einen Freund nennen?
Ich würde sagen, dass man das nicht kann, ich nenne solche Menschen Internetfreunde. Aber scheinbar bin ich mit meiner Meinung in der jüngeren Generation alleine, einer Generation, die einen Satz wie "Ich hab Dich lieb" zu einer Floskel verkommen lässt. Und vielleicht kann man den Terminus Freundschaft heutzutage auch gar nicht definieren. Deswegen habe ich einmal verschiedene nahestehende Menschen gefragt, wie sie diesen Begriff definieren würden und die Ergebnisse waren erschreckend: Erst einmal zählte jeder komplett andere Eigenschaften dazu, das soweit war nicht unbedingt überraschend.
Überraschend war, dass für manch einen Freundschaft nichts anderes ist, als das regelmäßige Sehen und Spaß haben. Oder sogar nicht mal sehen: Simsen oder chatten reicht auch. Den anderen unterstützen? Für den anderen da sein im Notfall? Ein Kumpel sagte mir, dass im Falle eines Falles eh jeder auf sich allein gestellt sei. Da wackeln die Grundfeste einer Vertrautheit! Doch auf der anderen Seite wandelt sich unser Weltbild durch das Internet und nicht zuletzt durch die Verknüpfung von wildfremden Menschen in Foren zu virtuellen Workshops. Aber das ist auch kein wirkliches Argument, es zeigt nur, dass mancher Konservatismus durchaus angebracht ist. Und gerade Second Life ist ein wunderbares Beispiel, wie virtuelle Welt sich in unsere Realität einmischt und dass sie ein reales durchaus bestimmen kann. Der verliebte Brite lebt inzwischen von dieser Plattform, eigentlich ist er nämlich arbeitslos.
Anekdoten aus einem schwulen Leben.
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baumarktpflanze - 5. Jul, 00:01